Munkepunke hieß natürlich gar nicht so. Der Dichter solcher Kostbarkeiten wie "Das Bowlenbuch" ist im Geburts-Register eingetragen als Alfred Richard Meyer (1882 bis 1956) und als solcher ein verdienstvoller Verlagsbuchhändler und Entdecker expressionistischer Lyriker. Auch Hans Bötticher, 1883 in Würzen geboren, erhoffte seinen Reimereien größeren Erfolg, wenn er sie nicht unter dem eigenen, sondern unter dem angenommenen Namen Joachim Ringelnatz in die Welt schickte. Wenn Dr. med. Alfred Döblin, durch Patienten-Besuche eh von Träumereien am Poeten-Pult abgehalten, mal etwas rasch aufs Papier und den guten bürgerlichen Namen nicht in Gefahr bringen wollte, schrieb er gleichsam mit der linken Hand – und unterzeichnete als "Linke Poot". Der streitbare Ästhetik-Professor Alt-Württembergs, Friedrich Theodor Vischer (1807 bis 1887), war rabiat genug, den beiden Teilen von Goethes "Faust" 1862 einen "Faust III" hinterherzuwerfen; er nannte sich nicht nur Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky, sondern – weniger angestrengt, schwäbischen Biedersinn treffend – auch Philipp Ulrich Schartenmayer.

Den guten eigenen Namen verleugnen, sich hinter einem anderen verstecken? Viele Gründe gibt es dafür – Not, Zwang, Verlegenheit oder einfach Lust am Gaukelspiel. Als der Regimentsmedicus Friedrich Schiller am 22. September 1782 den Herrschaftsbereich seines tyrannischen Herzogs verläßt, um ins Ausland – nach Mannheim – zu fliehen (lebensgefährlich, vergleichbar der Flucht über Honeckers Mauer), schreibt er ins Wachbuch am Eßlinger Tor in Stuttgart: "Dr. Ritter". Drei Wochen später kommt er beim Wirt des "Viehhofs" in Oggersheim unter und gibt sich – Herzogs Karl Eugens Häscher weiß er auf seiner Spur – als "Dr. Schmidt" aus.

Unverfänglicher Name – so namenlos, daß sich der 1876 in Bonn geborene Wilhelm Schmidt als Schriftsteller lieber "Schmidtbonn" nennt, daß Otto Ernst Schmidt, 1862 im holsteinischen Ottensen geboren, als Otto Ernst publiziert und der Darmstädter des Jahrgangs 1890 Eduard Schmid als Kasimir Edschmid poetischen Lorbeer erlangen will. Wie seufzt Munkepunke: "Die Verlegenheit, Meyer zu heißen" – und tröstet sich. Trägt er den Namen nicht als Schutzschild und "bürgerliches Pseudonym" vor sich her? Dahinter kann ein saufselig reimender Munkepunke über die Stränge schlagen.

Zensur, Angst vor politischer Verfolgung zwingen Autoren – seit alters bis heute – dazu, unter der Maske eines anderen Namens aufzutreten. "Schon vor Erfindung des Buchdruckes", muß das "Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte" einen alten Skribenten zitieren, "insbesondere aber seither, haben Autoren es aus verschiedenen Gründen für räthlich erachtet, ihren Namen durch erfundene zu verhüllen."

Also nennt sich der Pfarrerssohn aus Murten, Albert Bitzius: Jeremias Gotthelf; der Wiener Albert Conrad Kiehtreiber: Albert Paris Gütersloh; der österreichische Bohemien Richard Engländer: Peter Altenberg; der Chemnitzer Hellmuth Fliegel: Stefan Heym – und ein anderer Chemnitzer, Rudolf Leder, veredelt sich, das Chichihafte seiner Lyrik durch Namenswahl offenbarend, zu einem Stephan Hermlin.

Das neue Lexikon der Pseudonyme, "Decknamen der Autoren deutschsprachiger erzählender Literatur", von Jörg Weigand (Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 282 Seiten, 49 Mark) ist ein Nachschlagewerk für literarische Detektive – und neugierige Leser. Gut, daß wir nun den geschätzten Fabulierer H.C. Artmann auch unter dem Pseudonym Stasi Kuli finden; Gerhard Zwerenz unter Gert Amsterdam oder Peer Tarrok; Brigitte Blobel – stimmt das wirklich? – "nach dem Tode von E.B." unter "Enid Blyton"; Anton Fedrigotti von Ochsenfeld (1901 bis 1991), dessen Wirken wir bisher zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt haben, auch unter Toni Herbstenburger; Hasso Plötze unter Hasso Hecht oder den Schreibmaschinisten Rolf Kalmuczak (jeden Monat acht Kurz-Krimis) unter 89 (in Worten: neunundachtzig) funkelnden Namen zwischen Joe Adler, Tobby Hammer, Martin Tänzer, Marcello Venerdi und Berd Wolfgarten. Hätte jemand den Heimatroman "Heideschulmeister Uwe Karsten" der 1938 in Müden an der Oertze bei Celle im Alter von 76 Jahren gestorbenen Erzählerin Rose Felicitas Moersberger, geborene Schliewen, gelesen? Ja, wenn sie sich Felicitas Rose nennt, lesen wir auch "Das Haus mit den grünen Fensterläden" und sogar den "Hilligen Ginsterbusch".

So stößt uns ein Lexikon darauf, daß wir manche unserer Schriftsteller nur noch im Maskenspiel ihrer Namen kennenlernen, darüber ihr Leben in Zeit und Welt oft vergessen: Klabund (Alfred Henschke), Paul Scheerbart (Bruno Küfer), Ludwig Renn (Arnold Friedrich Vieth von Golssenau), Willibald Alexis (Georg Wilhelm Heinrich Häring), Anna Seghers (Netty Radvanyi, geborene Reiling), Charles Sealsfield (Karl Anton Postl) – und auch ihn, Loriot (Vicco von Bülow).