Echte Hexen sind ganz unauffällig. Sie schauen ganz schnell weg, wenn Kinder sie anstrahlen, gehen sonntags in die Kirche und versprühen wochentags ihr Gift, putzen jeden Monat die Fenster, damit sie um so schärfer durch ihre Stores lugen können, wienern ihre Fußböden so glatt, daß Kinder darauf ausrutschen, verhexen ihre Kleinen, damit sie so werden wie sie selbst.

So sind Hexen – zumindest meine. Jeder hat seine Hexen. Mit den Jahrzehnten wechseln die Schablonen. Einmal kreuzen sie die Finger hinter dem Rücken, weigern sich zu schwören oder abzuschwören, schlafen, wenn andere zur Arbeit gehen, wollen keine Kinder, wenn andere sie wollen – immer sind sie anders als man selbst.

Woran erkennt man also eine Hexe? Die Australierinnen Mem Fox und Vivienne Goodman beantworten das Problem ganz einfach, indem sie die Kinder fragen: "Was meinst du?" Ist eine Hexe groß und dünn? Trägt sie ein schwarzes Kleid? Mag sie Tiere? Besitzt sie einen Besen? Die Fragen sind leicht mit "ja" zu beantworten, da sie sich am klassischen Kodex, am vertrauten Hexenarsenal orientieren, und das "Ja" ist so selbstverständlich wie das Hexeneinmaleins. Amanda Raabe – so heißt die verrückte alte Dame, die weit von hier entfernt wohnt – unterscheidet sich da kaum von anderen Hexen. Nachts reitet sie auf einem Besen, köchelt ihr Süppchen aus Rattenschwänzen, Fußnägeln und Eidechsenschuppen und ist so häßlich, wie es Hexen nun einmal sind. Ein Bilderbuch also, das nur zeigt, was wir als Kinder ohnehin schon wissen? Ja und nein und nochmals nein!

Zum einen muß man zweimal hinsehen. Auf die Frage "Hat sie einen Besenstiel? Was meinst du?" erkennt man zuerst einmal ein gemauertes Klohäuschen im Wald, belagert von Fröschen, Raben und Fledermäusen, die meckernd und grinsend beobachten, wie sich die Klorolle selbständig macht und sich hüpfenderweise davontrollt, während der Hexe im Inneren nur der schäbige Rest bleibt. Und der Besen? Der lehnt unauffällig seitlich am Häuschen geparkt – eine gute Antwort ist immer länger und verzwickter als die Frage.

Vivienne Goodmans Antwort-Bilder sind von dieser Art. Oft "stimmen" sie nicht mit der Frage überein, zeigen mehr, als sie sollen, oder lassen die Fragen in Details untertauchen. Und dabei gelingen ihr Bilder, wie man sie selten sieht. Ein photographischer Realismus, der collagenartig aus dem Alltag des gewöhnlichen Horrors schöpft. Ausgeleierte Unterhosen, grauenhafte Büstenhalter, schlappige Strumpfhosen hängen neben Fischen zum Trocknen an der Wäscheleine, widerliche Ratten, Schlangen und Kröten tummeln sich im Wohnzimmer, und was sie kocht und wie, das sollte man lieber selbst betrachten. Eine Gefahr besteht dabei allerdings: Man gerät in staunendes Starren. Jedes Bild gerinnt zu einer Komposition aus Illusion und Wirklichkeit, aus Liebe zum hyperrealen Detail und konstruktiver Träumerei. Und die Eltern freuen sich natürlich, wenn die Hexe "Sex Pistols"- und "Stranglers"-Buttons trägt, Sherlock Holmes’ Mütze und Geige zu entdecken sind oder Virginia Woolfs Jugend- und Altersbildnis auf dem Kaminsims einen Ehrenplatz bekommen. Aber die Anspielungen sind nicht modisches Dekor oder bemühte Aktualisierung. Sie halten die Hexe in einem seltsamen Zwischenbereich aus alt und jung, aus Punk und Grimm, und so löst auch das Schlußbild nicht nur die wichtigste Frage auf, es verrätselt sie vielmehr aufs neue.

"Was meinst du?" ist mit Vorsicht zu genießen. Noch nie wurde das Unappetitliche so appetitlich gemalt. Alles, was man nicht tun sollte – wie Kellog’s unten aufreißen, mit Spinnen im Bett liegen oder mit Fischen und Fröschen in der Küchenspüle baden –, gehört zu den Vorlieben Amanda Raabes. Eine Hexe ist sie sicherlich, vielleicht auch nur, damit die echten Hexen um so reinlicher ihr Unwesen treiben können. Sollte man so ein Buch wirklich seinen Kindern schenken? Was meinen Sie? Konrad Heidkamp

  • Mem Fox und Vivienne Goodman: