Nu mal sutsche, ja? Sind wir auf einen Schiff oder in einem Pensionat?" Die Mannschaft zu wecken ist auf der Pandora kein Vergnügen und schon gar nicht mitten in der Nacht. Leichtmatrose Daniel Bloom bleibt lieber außer Schlagweite. Seit Tagen dümpelt das Segelschulschiff im Stettiner Haff. Aber in dieser Nach kommt endlich Order für Kapitän Otsche Jantzen, top-secret. "Mal herhören. Es geht los. Feindberührung ist möglich." Im Schlepp der Albatros setzt sich die Viermastbark der Handelsmarine in Bewegung, Kurs Nordwest.

Der Roman läuft schon nach den ersten Seiten auf Kurs. Benno Pludra hat seine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg tief in die Romantik der Seefahrerromane eingetaucht und sie dann wieder an Bord des Jahres 1943 gehievt. So sehen wir fasziniert zu, wie die alten Geschichten abfließen und abtropfen, bis am Ende nur noch das Angesicht des modernen Krieges zurückbleibt. Nach und nach verdichten sich die Spuren des Krieges, durch Erinnerungen, Erzählungen, Gerüchte, bis er schließlich selbst an Bord kommt.

Bei einem Landgang in Stettin lernt Daniel Mirieluis kennen, ein Mädchen, das den Meerjungmann verzaubert. Aloa-he im Café. Ein paar Tage später kreuzt sie mit ihrer kleinen Jolle vor der Pandora auf. Die Mannschaft steht geschlossen in der Reling, aber Marieluis steuert gezielt auf Merlikon, den Ersten Offizier, zu: "Darf Daniel ein bißchen mit?" Und Merlikon, die zugeknöpfte Autorität an Bord, wird weich: Eigentlich nicht, es könnte Order kommen, aber ein bißchen schon. Es wird ein langer Tag der beiden im Haff, Daniel in zerschlissener Unterhose und "Madonna im Sand, die Seele offen".

Das nimmt Daniel mit auf die Fahrt. Und Benno Pludra nimmt den Leser mit, dank seiner packenden Sprache, die noch im Detail Spannung vermittelt. Die Ungewißheit, unter der die Pandora in den Krieg der Dampfer und U-Boote segelt, zieht sich als übergreifender Spannungsbogen durch den Roman. Das Leben an Bord, die Gespräche, die Streitereien, die tägliche Arbeit verleihen der Erzählung ihren Rhythmus. Und nach und nach mehren sich Vorfälle von dramatischer Intensität. Zwischen Merlikon und Mehnert, einem steifen HJler, schwelt ein ständiger Konflikt. Vom ersten Wort an ("Heil Hitler, Kameraden!") bläst Mehnert auf der Pandora der Wind ins Gesicht. Und als er zu "Führers Geburtstag" gespreizt "ehrende Worte" verlangt, ist er ganz unten durch.

Den Krieg in Sicht segelt die Pandora durch die Ostsee, Kurs Lettland. Auftrag und Ziel kennt keiner, vielleicht nicht mal Kapitän Jantzen. Und wie nebenbei holt Pludra – ohne 08/15-Effekt – den ganzen grausigen Kosmos dieses Krieges in seinen Roman. In Lettland trifft Daniel auf Leena. Marieluis ist weit, und niemand ist eine Insel. Sie öffnet ihm die Augen: "Aber deine Leute erschießen meine Leute in den Dünen." Tage später sieht Daniel zwei "Herren Es-Es" vor Leenas Haus im Walde und Geknatter klingt von den Dünen her.

Als alle Übel ausgeschüttet waren, blieb nur die Hoffnung in der Büchse der griechischen Pandora zurück. Säckl, Daniels sächsischer Freund, nimmt sich ein Stück davon: "Zum Beispiel Dresden. Da wirst du nie eine Bombe fallen sehn. Weil’s eine Kunststadt ist..." Pludra hat bedacht dosiert, alles wird sichtbar, aber nichts wird allzu wohlfeil serviert. Was der sechzehnjährige Leichtmatrose hört, gerinnt nicht zum Merksatz, und was er sieht, sind keine Zigarettenbildchen eines historischen Sammelalbums.

Die Portion der ersehnten Südsee bleibt Daniel nur, wenn er ins Journal des Kapitän Willem Bontekoe abtaucht, ins Jahr unseres Herrn 1618. Aber auch dort verfliegt die Romantik. Feuer an Bord und Bontekoe schreibt: "Das Stöhnen und Schreien nahm kein Ende..." Den letzten Brief von Marieluis – "ich umarme Dich" –, den hat er vorsorglich auswendig gelernt, by heart. Denn immer, wenn er ihn liest, das gleiche Spiel: "Licht aus, verflucht!" – "Schnauze", sagt Daniel. Das werden Störer von Pludras Lesern auch zu hören bekommen. Reinhard Osteroth