"Wozu hat Jesus Väter gemacht?" läßt Katherine Mansfield das Kind Kezia in ihrer Geschichte "Das kleine Töchterchen" verzweifelt schluchzen. Barbara Bronnens Anthologie beantwortet keine Fragen – sie stellt sie. Wo auch immer Kinder in Romanen und Erzählungen auftauchen, für Barbara Bronnen werden sie zur "moralischen Instanz, wenn es um Leben oder Literatur geht." Und so sind diese Geschichten auch zu lesen: nicht leichthin und nebenbei, sondern "wie Nabokov gesagt hätte, mit dem Rückenmark".

"Blut" – wie ein roter Faden zieht sich buchstäblich das "Blut" durch die Geschichten. Da ist vom Nasenbluten nach der Prügelei die Rede, vom Blutsonntag in Petersburg, von blutroten Fahnen beim polnischen Aufstand gegen die Russen in Warschau und vom Blut beim Kinderkriegen. Und es ist die Rede von ihrer "Schwester" – der Angst vor dem Blut –, von Kinderängsten und ihren Ursachen.

Irmgard Keun beispielsweise hat in ihrer Ich-Erzählung so sehr Angst vor dem Tadel im Klassenbuch, daß sie das Buch kurzerhand klaut und im Garten der Eltern vergräbt. In der Erzählung von Leonid N. Andrejew wird der bitterarme Saschka, von der Mutter blindwütig bis aufs Blut geprügelt, zum störrischen Außenseiter. Als ihn an Weihnachten ein reicher Gönner zu sich einlädt, entdeckt der Junge am Christbaum einen Engel, der aussieht, wie er selbst. Auf Knien erbettelt er sich die Figur und versteckt sie zu Hause an einem Gummiband im Luftloch des Ofens. Nachts, als das Kind selig schläft, schmilzt der Wachsengel. Übrig bleibt nur eine heiße Masse, an der sich eine neugierige Küchenschabe die Füße verbrennt.

Aber so unterschiedlich die Autoren – von Fleißer, McCullers und Schwaiger bis Pavese, Fichte und Zweig –, so verschieden sind auch die Akzente, die sie in ihren Geschichten setzen. Und so hopst in Nabokows "Die Mutprobe" der kleine Martin nachts im Traum einfach in das Landschaftsbild, das über seinem Bett hängt. Munter geht er dort im Nachthemd spazieren und entdeckt traumhaft sicher die Stelle, wo der Regenbogen die Erde berührt. Ein Hoffnungsschimmer – denn keine der Geschichten, die ihm seine Mutter abends vorgelesen hatte, "war an Martin verschwendet". Meike Behrendt

  • Kind, ach Kind

Geschichten über Kinder

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Barbara Bronnen; Beck Verlag, München 1991; 249 S., 18,80 DM