Der Maestro bemerkte es gar nicht. Mit unbewegter Miene saß er auf dem mit rotem Samt unrandeten Podium hinter dem Flügel und trillerte sich durch den Schlußteil einer Scarlatti-Sonate, als plötzlich ein feines, sirrendes Pfeifen zu hören war. Das Geräusch kam näher, steigerte sich zum Mezzoforte, ging über in ein sanftes Grollen und verklang schließlich wieder in der Ferne. Kein Zweifel, das war er: Der Airbus ist in Toulouse allgegenwärtig. Früher oder später erwähnt ihn dort jeder Franzose, wenn er Fremden etwas über die Stadt erzählt. Kaum eine Werbebroschüre, in der das Flugzeug nicht abgebildet ist. Selbst Weinbauer Cros in Gaillac, das nordöstlich von Toulose liegt, hat ein Hochglanzportrait vom Leitwerk in der Probierstube hängen. Ohne den Airbus geht nichts. Ohne ihn kann nicht einmal Nikita Magaloff Scarlatti im Kloster spielen.

Daß der Pianist, der noch Prokofjew und Strawinsky persönlich gekannt hat, an diesem Abend nicht ganz auf der Höhe seiner Kunst war, daß seine Interpretationen ähnlich verwaschen ausfielen wie die verblaßten Fresken an den Wänden, kann man der Luftfahrtindustrie allerdings nicht anlasten, und schon gar nicht Paul-Arnaud Pejouan. Er ist der Organisator des Festivals "Piano aux Jacobins" und hatte vor zehn Jahren die Idee, einen der lauschigsten Plätze mitten im Stadtkern von Toulouse zum Konzertort umzufunktionieren – das hervorragend erhaltene Jakobinerkloster aus dem 13. Jahrhundert. In einer offenen Seitenkapelle des Kreuzgangs finden dort jedes Jahr im September Klavierabende statt. Die Programmdramaturgie hebt sich wohltuend von der Beliebigkeit vieler anderer Musikfestivals ab. Sie bringt etablierte Größen mit jungen französischen Pianisten zusammen. In diesem Jahr werden Vlado Perlemuter, Nelson Freire, Dimitri Bashkirov und Lazan Berman dabeisein.

Die Konzertatmosphäre ist locker: Man schnappt sich einen der grünen Klappstühle, sucht sich einen Platz auf den Kieswegen im Inneren des Karrees mit den 72 umlaufenden Galeriebögen und läßt sich die frische Spätsommerbrise um die Nase wehen, während die Klavierklänge in den klaren Nachthimmel aufsteigen.

Das Piano-aux-Jacobins-Festival gibt sich bescheiden (auch bei den Eintrittspreisen), verzichtet auf Exklusivität und Repräsentationsgehabe. Dinnerjackets und Abendroben sucht man hier im Publikum vergeblich. Doch auch in Toulouse träumen die Veranstalter wie in tausend anderen Festivalorten heimlich von internationalem Glanz. Die Stadt werde sich in den nächsten zehn Jahren zur europäischen Metropole für Luft- und Raumfahrttechnik entwickeln. Das Ariane-Projekt, die Airbus-Endmontage und der Bau des Raumgleiters Hermes garantieren ein enormes wirtschaftliches Wachstum, und mit dieser Entwicklung müsse auch die Kultur Schritt halten, argumentiert Pejouan. Er will in den nächsten Jahren mit seinen Programmen künstlerisch noch höher hinaus, andererseits dem Festival aber den liebenswerten Charakter einer kleinen, überschaubaren Veranstaltung erhalten. "Wir wollen und können kein Salzburg werden", fügt er hinzu. Stimmt. Toulouse hat keinen Mozart. Aber Toulouse hat den Backstein. Und den haben die Menschen in der Region über die Jahrhunderte hinweg zu beachtlichen Gebäuden aufgetürmt.

Ein wahres Backsteingebirge ist die gotische Kathedrale von Albi, das sechzig Kilometer nördlich von Toulouse liegt. Von außen gleicht sie einer unwirtlichen Trutzburg. Im Inneren prunken Fresken, ausziselierter Kalkstein und ein Kathedralenhimmel in jenem kostbaren Indigoblau, das man im Mittelalter aus dem Farbstoff der Waidpflanze herstellte und der Region zu Reichtum verhalf. Wer in dieser Kirche ein Orgelkonzert auf einem der schönsten Instrumente Frankreichs hört, bemerkt vom Überflug eines Airbusses bestimmt nichts. Claus Spahn