Jelzin als Lotse und Gorbatschow als Galionsfigur: Die Republiken greifen nach der Macht und wollen eine neue Union errichten

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im September

Wieder war es ein Montag. Und wieder kam es zum Coup. Dem gescheiterten Umsturz vom 19. August folgte der gescheite Umbruch vom 2. September. Weil mit der Sowjetunion kein Staat mehr zu machen war, übernahmen die Republiken zu Beginn dieser Woche die Macht. Aus der stürmischen Fahrt in Richtung Unabhängigkeit wendeten sie am Montag plötzlich und bemächtigten sich des mehrheitlich konservativen Volksdeputierten-Kongresses, damit also der Union. Von der Sondersitzung der 2250 Volksdeputierten hatten nicht wenige Sowjetbürger den endgültigen Sturz Gorbatschows und eine legale Verhängung des Ausnahmezustands erwartet. Doch statt dessen übernahmen die nichtrussischen Republiken das Schiff – mit Rußland als Lotsen und Gorbatschow als Galionsfigur. Die Bezeichnung "Sowjet" strichen sie aus ihren Papieren. Ob das neu aufgetakelte Staatsschiff unter den zehn Republiks-Segeln manövrierfähig und zum Commonwealth werden kann, bleibt freilich offen.

Das Krisenkommando handelte am Montagmorgen nach dem Motto: Die Sowjetunion und die Partei sind tot – es lebe die sowjetische Parteitagsdisziplin. Punkt zehn Uhr verhängte Iwan Laptjew, einst liberaler Chefredakteur der Iswestija, jetzt amtierender Parlamentspräsident anstelle des verhafteten Gorbatschow-Kommilitonen und Putsch-Drahtziehers Anatolij Lukjanow, den Ausnahmezustand für die Geschäftsordnung. Dann trug Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew, das große Talent der orientalischen Diplomatie, den von Gorbatschow und zehn der fünfzehn vormaligen Sowjetrepubliken am Sonntag unterzeichneten Plan für ein dreistöckiges Gerüst zur Stützung und Sanierung des zerfallenden Staates vor:

In einem Staatsrat sollen Gorbatschow und die Spitzen Vertreter der zehn Republiken innere und äußere Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse koordinieren. In einem Rat der Vertreter der Volksdeputierten sollen je zwanzig Abgesandte jeder Republik ein Übergangsparlament zur Entscheidung grundsätzlicher Fragen bilden. Ein Interimistisches Wirtschaftskomitee mit Experten aller Republiken soll die ökonomischen Not- und Reformmaßnahmen koordinieren. Von diesem Gerüst aus wollen die Republiken einen "Unionsvertrag der souveränen Staaten" (wobei jede Republik über Form und Ausmaß ihrer Unabhängigkeit selbst entscheiden kann), eine neue Verfassung, eine Vereinbarung über kollektive Sicherheit und gemeinsame Streitkräfte sowie ihre strikte Festlegung auf internationale Verträge und Verpflichtungen ausarbeiten.

Wie eine Schockwelle traf dieses Programm, mit dessen Annahme sich der Volksdeputiertenkongreß selbst entmachten mußte, die konservativen Delegierten im großen Kreml-Palast, von dessen Stirnwand zum ersten Mal in seiner Geschichte kein Lenin herunterblickte. So abrupt, wie das Beben begann, brach es ab, aber nichts stand mehr an seinem Platz. Um 10.13 Uhr war fürs erste alles vorbei. Iwan Laptjew, der seit vielen Monaten fast verstummt im Parlamentspräsidium gesessen hatte, ständig deprimiert auf seine Unterlippe beißend und verbittert über Lukjanows Manipulationen, schnitt nun unerbittlich alle Reaktionen ab. Er schickte die über 2000 anwesenden Delegierten erst einmal für vier Stunden in die Pause. Das offensichtlich informierte Fernsehen schaltete blitzschnell ab. Das letzte Bild zeigte den schwarzen Obristen Wiktor Alksnis und seine Gesinnungsgenossen wild gestikulierend vor dem Podium.