Zu den Motiven des aus Coesfeld (Westfalen) stammenden Malers Hanns Hubertus Graf von Merveldt (1901-1969) gehört vielfach Zerstörtes, Wertloses, Abfälle der Zivilisation, Widerliches oder doch eigentlich Unansehnliches. Da sieht man Zerstörungen im Hamburger Hafen, ruinöse Boote, alte Treppen, verwitterte Mauern, rot oder grauweiß, gleichviel, beschlagnahmte Glocken, Brackwasser.

Der Maler, der ein Künstler und "Artist" (im Sinne intellektueller Geschicklichkeit) ist, bleibt nicht im Sumpf der Äußerlichkeiten stecken. Aus widerlichen, peinlichen, stupiden optischen Erscheinungen leitet er künstlerische Gebilde ab. Realität wird durch einen "Fleischwolf", genannt Metamorphose, gedreht. Die Instrumente sind Pinsel und Farben. Das Gegenständliche wird gebrochen oder ganz suspendiert. Dennoch: Zur völligen Abstraktion konnte sich Merveldt, der im Dritten Reich zeitweilig "entartet" genannt wurde, nicht recht entschließen. Aber das Gegenständliche wird zweitrangig, das Konstruktive, das heißt das "Gefügte und Gebaute", wie Gottfried Sello es definierte, gewinnt an Bedeutung. Wir fügen hinzu: auch das Rhythmische. Da gibt es viele Beispiele, so etwa die "Treppe in Venedig" von 1960.

Merveldt, der in Karlsruhe, Berlin, Paris und Rom ausgebildet war, hat seine eigene Kunstgesinnung so artikuliert: Es komme darauf an, "die direkte Verbindung von Giotto und Cimabue über Cézanne konsequent weiterzuführen und zu verdeutlichen. Die Frage, ob das modern ist oder nicht, ist überflüssig." Das war eine der vortrefflichsten Eigenschaften des Grafen: nicht opportunistisch zu sein. Das behinderte hier und da eine ungezwungene Anerkennung seiner Kunst (dafür ist ja die jetzige Ausstellung in Münster ein Stück nachgeholter Gerechtigkeit). Sonst hat es an Huldigungen nicht gefehlt, vom frühen Rompreis angefangen. Bilder von Merveldt sind in bedeutenden Museen vertreten.

Neben Cézanne, unter zahllosen Künstlern unseres Jahrhunderts ohnehin ein Halbgott, war für Merveldt auch Karl Hofer wichtig, der Maler und die Person. Merveldt malte nicht nur, er pinselte auch. Aber in der richtigen Phase. Er hat, worauf er stolz war, als Anstreicher begonnen – ähnlich wie auch Hans Thoma, der gesagt haben soll: Gut angestrichen ist halb gemalt. Viele Maler der Nachkriegszeit haben (wenigstens brav) gegenständlich zu malen begonnen, um schließlich, Stolz in der Brust, mit dem Quast große Flächen uni anzustreichen, nicht nur der Südfranzose Yves Klein. Merveldts umgekehrte Entwicklungsrichtung war die bessere. (Ausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, Domplatz 10, 1. bis 29. September, Katalog 35 DM.) René Drommert