Beobachtungen von Adam Krzeminski

Ist Deutschland tatsächlich eine "gemiedene Übermacht" für die Polen? Diese Frage läßt sich nicht leicht beantworten, denn die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen sind schizophren genug, um absolut jede These belegen zu können. Wir sind tatsächlich füreinander schwierige Nachbarn.

Die Geschichte trennt und verbindet uns zugleich mit einem Gordischen Knoten. Unsere heutige gemeinsame Grenze sollte klare Verhältnisse schaffen, das heißt zwei Völker entflechten, die seit tausend Jahren nicht nebeneinander, sondern miteinander lebten. Es gab Deutsche in Polen und als Polen – im alten mittelalterlichen Sinne –, und es gab Polen in Deutschland als preußische Untertanen, als Arbeiter an der Ruhr und in Berlin und schließlich als Zwangsarbeiter während des Krieges. Diese Grenze trennt uns, aber die Geschichte schafft es, daß ein großer Teil Polens und Deutschlands zur Vergangenheit beider Völker gehört, woraus keine Besitzansprüche resultieren, jedoch eine Vertrautheit mit diesem Raum zwischen Rhein und Bug. Keine andere Nachbarschaft der Deutschen ist so diffus und osmotisch. Wir sind verschwistert und verschwägert, mehr als manchem lieb ist.

Diese Grenze, die letztendlich neu gezogen werden mußte, weil Nazideutschland die von 1939 nicht gefiel, war eine Folge der "Flurbereinigung im Osten" durch das "Dritte Reich" in den Jahren 1939 bis 1945, der völkermörderischen Besatzungspolitik Hitlers, vor allem aber der Westverschiebung Polens durch die Siegermächte, die genau die Hälfte des polnischen Vorkriegsterritoriums dem eigentlichen Kriegsgewinnler, nämlich Stalin, überließ und damit de facto die Ergebnisse seines Pakts mit Hitler sanktionierte.

Die Polen haben damals zwar an allen Fronten gekämpft, aber eine Siegermacht waren sie beileibe nicht, auch wenn der polnische Nachkriegsstaat zum Vollstrecker der schmerzlichsten Konsequenz der deutschen Niederlage wurde: Er übernahm ein Fünftel des früheren deutschen Territoriums, siedelte die deutsche Bevölkerung aus und schüttete 700 Jahre deutscher Geschichte im Osten zu.

Womöglich war dieser Prozeß für das deutsche Selbstbewußtsein um so schmerzlicher, als nicht die militärischen Sieger das Reich amputierten, sondern ausgerechnet die nicht besonders ge- und beachteten Polen, die man noch im September 1939 in wenigen Wochen mit Panzern und Bomben plattgewalzt hatte. Daß sie jetzt plötzlich als Vertreiber auftauchten, war gegen alle Regeln der Hackordnung.

Doch für Polen war diese Grenze eine Frage von Sein oder Nichtsein in Europa. Denn die Alternative war die Selbstaufgabe als Staat, das Fortbestehen des Generalgouvernements als siebzehnte Sowjetrepublik.