Von Maria Huber

Nichts scheint die einstigen Sowjet-Republiken mehr halten zu können. Die Unabhängigkeit vom Zentrum in Moskau ist plötzlich für alle, die es wollen, ohne besondere Hindernisse erreichbar geworden. Nach dem gescheiterten Putsch drohen von der geschaßten Regierung des Ministerpräsidenten und Mitverschwörers Valentin Pawlow keine Terrorakte und keine bürokratischen Tricks mehr. Litauen, Lettland und Estland sind international anerkannte Staaten geworden. Sie und die Ukraine planen eigene Währungen. Usbekistan und Aserbeidschan haben die alten Parteistrukturen unter ihre Kontrolle gestellt und nutzen diese für die Reglementierung der Warenströme. Kasachstan und Weißrußland sträuben sich gegen die ihnen möglicherweise zugedachten Rollen der jüngeren Brüder in einem von Rußland dominierten gemeinsamen Markt.

Bislang lebten die Republiken – wenn auch mit viel Zwang – unter dem Regime eines gemeinsamen Haushalts. Die Zusammenarbeit war unter anderem auch deshalb so eng, weil Staatshaushalt und Staatsbetriebe nicht voneinander getrennt wurden. Die russische Republik (RSFSR), die 61 Prozent der sowjetischen Wirtschaftsleistung erbringt, liefert bisher 18 Prozent ihrer Produktion an andere Republiken. In den kleineren Republiken ist die Verflechtung mit der Union viel größer: Die baltischen Staaten setzten über 60 Prozent ihrer Produktion außerhalb ihrer Grenze ab. In der Ukraine beträgt dieser Anteil 39 Prozent. Handelt es sich um eine moderne Volkswirtschaft, wäre die gegenseitige Abhängigkeit ein normaler Fall. In der Sowjetunion herrscht jedoch ein krasses Ungleichgewicht zwischen jenen Regionen, die die Zentrale in Moskau in die Abhängigkeit von der Produktion oft nur eines einzigen Rohstoffs gezwungen hatte, und jenen, deren verarbeitende Industrie – häufig ohne Rohstoffbasis – hochgepeitscht wurde. Dieses Ungleichgewicht beeinträchtigte die Entfaltungsmöglichkeiten aller. Jede Republik, jede Region fühlte sich im Nachteil und ungerecht behandelt.

Nachrechnen war nicht möglich. Daten über den Zahlungsverkehr der Republiken untereinander hielten die Banken unter Verschluß. Eine Übersicht über die innersowjetische Handelsbilanz publizierte das Statistische Amt erst, als es darum ging, den abtrünnigen baltischen Republiken den Spiegel vorzuhalten: Sie seien schließlich Kostgänger ihrer rohstoffreichen Nachbarn.

Bei den damals geltenden Inlandspreisen überstieg 1987 nur in Rußland, Weißrußland, der Ukraine und Aserbeidschan der Wert der in die anderen Republiken gelieferten Produkte jenen der unionsinternen Importe. Sie hatten eine positive innersowjetische Handelsbilanz. Die baltischen Republiken, die mittelasiatischen Republiken und Kasachstan waren Netto-Importeure. Auf Weltmarktpreise umgerechnet glänzt nur Rußland mit einem positiven Saldo von 28,5 Milliarden Rubel – dank seines Erdöls.

Bei der Beurteilung der Frage, ob die Republiken sich ökonomisch auf eigene Beine stellen könnten, helfen diese Statistiken jedoch herzlich wenig. Über Effektivität und Entwicklung der Produktion machen sich die Republiken ihr eigenes Bild – und das ist oft ein Trugbild. Denn die ihnen vertraute Preisstruktur hat mit den Weltmarktpreisen so gut wie nichts zu tun und erlaubt kaum realistische Kalkulationen. In der Sowjetunion sind die Inlandspreise für Rohstoffe weiterhin niedrig. Für Fertigprodukte, besonders elektronische Artikel, Kleider und viele einfache Konsumgüter setzte der Staat dagegen relativ hohe Preise fest. Diese Diskrepanz ist auch der Grund dafür, daß Lettland, Litauen und Estland statistisch das höchste Nationaleinkommen pro Kopf aufweisen: Sie haben keine Rohstoffe, und ihre Produkte sind teuer auf dem Binnenmarkt. Der höhere Entwicklungsstand der Wirtschaft in den drei baltischen Republiken steht zwar im Vergleich zum sowjetischen Süden außer Zweifel. Doch ob sie als selbständige Volkswirtschaften wettbewerbsfähig werden oder auch nur den Bankrott vermeiden können ist damit noch nicht bewiesen.

Der angesehene Chef-Ökonom Estlands, Michail Bronstein, klagte vergangene Woche vor dem Obersten Sowjet in Moskau über die Pläne des russischen Präsidenten Boris Jelzin, Öl künftig zu einem Preis von 180 Dollar je Tonne zu liefern. Dies sei neunzigmal teurer als bisher. "Es ist der Ruin der Republik." Doch selbst die vergleichsweise milde Erhöhung der Abgabepreise für das Öl aus dem sibirischen Tjumen von 70 auf 220 Rubel je Tonne, wie sie Jelzin Anfang August der notleidenden Region in Aussicht stellte, erhöht die Selbstkosten der Raffinierien in Litauen so, daß das Benzin unbezahlbar wird. Litauens wichtigster Tauschartikel im innersowjetischen Barterhandel wird daher in der Zukunft kaum mehr zur Verfügung stehen. Weißrußland sieht sich bereits mit der Notwendigkeit konfrontiert, Betriebe der Metallurgie und der Ölverarbeitung zu schließen.