I.

Der Reigen der Skandale beginnt am 14. Juni dieses Jahres. An diesem Abend lädt die Direktorin der deutschen Künstlerakademie Villa Massimo, Elisabeth Wolken, zum Festa dell’arti ein. Frau Wolken liebt das Repräsentieren. Am liebsten mischt sie sich unter die über tausend Gäste, vor deren Augen ein hemmungslos triviales Show-Spektakel über die Bühne geht. Röschen werden da überreicht, ein Moderator stammelt vor sich hin, eine kleine Modenschau zeigt die neusten Kollektionen einer Wolken-Tochter.

Die Künstler der Akademie, für die das Fest angeblich organisiert ist, kommen bei solchen Gelegenheiten nicht vor. Künstler stören, im Weltbild der Direktorin sind es Bittsteller, die höchstens am Rand, in den Kulissen, geduldet werden.

So an der Peripherie: In einem muffigen, dunklen Ausstellungsraum dürfen sich zwei bildende Künstler mit ihren Arbeiten an jenem festlichen Abend präsentieren. Ihre Ausstellung wird weder eröffnet noch durch einleitende Worte der Direktorin begleitet. Frau Wolken hat zu tun: Sie widmet sich ihren Gästen. Im Anschluß an das Fest wird in ihre Wohnräume gebeten. Auch da haben die Künstler draußen zu bleiben. Künstler sind lästig, und Frau Wolken ist – nach 26 Jahren als Direktorin einer der wichtigsten deutschen Förderungsstätten – im Umgang mit ihnen noch immer ohne Erfahrung.

Für die ausstellenden Künstler kommt an diesem Abend das Faß zum Überlaufen: Noch in der Nacht räumen sie ihre Ausstellung wieder ab. Seitdem herrscht Funkstille in der Villa Massimo. Keine Kontakte, höchstens schriftliche Erklärungen gibt es noch zwischen der Direktion und den Künstlern, und von nun an geht es entschieden und deutlich zu. Die Villa Massimo befindet sich in der größten Krise seit ihrer Wiedereröffnung nach dem Krieg im Jahre 1957.

Die in der Akademie wohnenden Schriftsteller sagen ihre Lesungen und einen Diskussionsabend ab. Wochenlang hat man sie im unklaren über ihre Veranstaltungen gelassen, ein dummdreister Organisationsdilettantismus hat sie immer wieder getäuscht. Fehlen die Komponisten: Sie sollen ihre Arbeiten im Rahmen des römischen Sommerfestivals RomaEuropa vorstellen. Am Abend dieser Veranstaltung kommen keine tausend Gäste. Kein Wunder, die Direktorin hat diesmal gar keine Einladungen verschickt.

Nach endlosen Debatten, nach einem letzten Versuch, mit der Direktion ins Gespräch zu kommen, reicht es den Stipendiaten. Sie wenden sich an das für die Villa zuständige Innenministerium, sie haben die Presse benachrichtigt. Anders als in den früheren Jahrzehnten, wo zuweilen schon einzelne starke Naturen gegen eine völlig inkompetente Leitung der Akademie protestierten, steht der Direktorin diesmal eine ganze Phalanx von Protestierenden entgegen. Ihre früher noch erfolgreiche Politik, Stipendiaten gegeneinander auszuspielen, hinter den Kulissen mit Unschuldsmiene zu intrigieren, zieht nicht mehr. Mit nur einer Gegenstimme fordern die Künstler diesmal die Einsetzung einer neuen künstlerischen Leitung.