Anderthalb Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg fand in Freiburg ein in vielfacher Hinsicht bemerkenswerter Prozeß statt. Die Anklage galt dem Mörder Matthias Erzbergers. Die Tat lag bereits 21 Jahre zurück, war indessen wegen verschiedener Unterbrechungshandlungen nicht verjährt. Der rechtsradikale Mörder war nach Kriegsende nicht dieses Mordes wegen verhaftet worden, sondern routinemäßig: Er hatte ehrenhalber den Rang eines SA-Sturmbannführers bekleidet. Er war der Tat voll geständig. Die Anklage forderte die Todesstrafe, die Verteidigung Freispruch mit der Begründung, es habe sich bei der Tat nicht um einen gemeinen Mord, sondern um eine Überzeugungstat gehandelt; die Amnestieverordnung Hindenburgs vom März 1933 sei gültig; das Kontrollratsgesetz treffe auf den Angeklagten nicht zu, weil weder er noch die Tat in Beziehung zur NSDAP gestanden habe.

Das Gericht folgte weitgehend dem Plädoyer der Verteidigung. Es sah als erwiesen an, "daß der Täter seine Tat aus übersteigerter Vaterlandsliebe begangen hat, um Deutschland einer besseren Zukunft entgegenzuführen". Das Verfahren wurde auf Grund der Hindenburgschen Amnestie eingestellt. Das Urteil wurde bald darauf vom Tribunal General der französischen Besatzungsmacht kassiert, Erzbergers Mörder dann zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Richtern des ersten Urteils wurde im Dezember 1946 von den Chefs der Länder-Justizverwaltungen zwar ins Stammbuch geschrieben, die Hindenburg-Amnestie sei verfassungswidrig gewesen, aber auch attestiert: "Nach Mitteilung von unterrichteter Seite handelt es sich bei den Richtern um Persönlichkeiten, die an sich durch eine Beteiligung am Nationalsozialismus nicht belastet erscheinen."

In den Studien zur deutschen Nachkriegsgesellschaft, die Wolfgang Benz unter dem Titel "Zwischen Hitler und Adenauer" vorgelegt hat, ist der Fall der Freiburger Richter ein Paradestück für die Problematik der Entnazifizierung der Richter (und der Rechtsprechung) nach dem Kriege. Er findet sich im größeren Kapitel "Grundsatzprobleme: Säuberung, Wiedergutmachung, Reformen". Es sind diese Stichwörter, die auch die aktuelle Diskussion zur deutschen Einigung bestimmen. Sie lassen uns das Buch auch auf jene Parallelen hin befragen, wie sie, zumal in Bonn, gern zwischen den Inkubationsphasen für Demokratie und Marktwirtschaft im ersten Nachkriegsjahrzehnt im Westen und der Gegenwart im Osten Deutschlands gezogen werden.

Wolfgang Benz ist zuzustimmen, daß die Wiedervereinigung nicht Anlaß sein sollte, den Schlußstrich unter eine Nachkriegsentwicklung zu ziehen, die nur noch als leidiges Vorspiel einer deutschen Erfolgsgeschichte begriffen wird, Die Studien haben daher auch die Probleme jener frühen und in vielem für die spätere Bundesrepublik prägenden Jahre zum Gegenstand. Gewiß ergeben sich zahlreiche Parallelen zur Gegenwart. Doch geht es nicht mehr um jene konstitutiven Grundentscheidungen; sie sind den neuen Bundesländern durch ihren Beitritt übergestülpt worden.

Das alles ist nicht Thema der Aufsätze von Wolfgang Benz, aber sein Buch regt Fragen zur politischen Gestaltung und Bewältigung der Gegenwart an. Neben dem erwähnten Kapitel über die Grundsatzprobleme behandelt das Buch die verschiedenen Konzepte für die Nachkriegsdemokratie, die akuten Probleme der Nachkriegszeit für Wirtschaft und Gesellschaft sowie Ergebnis und Wirkung der Besatzungsherrschaft. Der Autor hat mit diesen Studien über die Zeit zwischen Hitler und Adenauer seinem durch Qualität und Quantität beeindruckenden Katalog wissenschaftlicher und doch gut zu lesender Veröffentlichungen eine weitere hinzugefügt. Wolfgang Benz, in diesem Jahr erst fünfzig, arbeitete von 1962 bis vor kurzem am Institut für Zeitgeschichte in München. Er lehrt jetzt an der Technischen Universität Berlin, wo er das Institut für Antisemitismusforschung leitet.

Bernhard Wördehoff

  • Wolfgang Benz:

Zwischen Hitler und Adenauer Studien zur deutschen Nachkriegsgesellschaft; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1991; 248 S., 18,80 DM