Jetzt, da es nur noch wenige interessiert und überhaupt nichts mehr bewegen kann, bring; Dietz Berlin alle jene Autoren zwischen Trotzki und Deutscher, die eben noch, da der stalinistische Kanon galt, ideologische Erzgegner waren, schlimmer selbst als der Klassenfeind. Nikolai Bucharin zählt zu ihnen. Jüngster unter den engsten Mitarbeitern Lenins, galt er als Liebling der Partei, als Vordenker. Er war Chefredakteur der Prawda und Leiter der Komintern, ehe Stalin ihn 1938 verhaften und hinrichten ließ.

Bucharin hat ein paar grundlegende Texte zur Wirtschaftspolitik der jungen Sowjetunion verfaßt Der erste, aus dem Jahre 1920, wurde durch die schwierige Situation des von Bürgerkriegswirren erschütterten Sowjetrußland veranlaßt. Er hat damals einige Diskussionen ausgelöst, Lenin versah das Buch mit kritischen Anmerkungen, die nun erstmals auch auf deutsch nachzulesen sind.

Bucharin war ein energischer Verfechter jener Neuen Ökonomischen Politik, die dem halbfeudalen Land eine Kapitalisierung unterm hegemonialen Dach der Kommunistischen Partei bescheren sollte. Die Sache war Lenins Idee gewesen. Sie zeitigte gewisse Aufbau-Resultate. Stalin hat diese Politik dann allmählich abgewürgt.

Bucharins Buch bleibt eine dröge Lektüre. Es zeugt vor allem von der dankbaren Benutzung des Marxschen "Kapital" durch seinen Verfasser. Die Unruhe, die es zum Zeitpunkt des Erscheinens ausgelöst hat, wird kaum noch verständlich: Bucharin war ein verbissener Leninist, die geistige Unabhängigkeit und Brillanz Trotzkis erreicht er nirgends. Heute, da der einst sowjetisch beherrschte Ostblock einschließlich seines Mutterlandes kollabiert ist, hat sein Buch gerade noch musealen Wert. Rolf Schneider

  • Nikolai Bucharin:

Ökonomik der Transformationsperiode

Mit Randbemerkungen von Lenin; Dietz Verlag, Berlin 1990; 273 S., 38,– DM