Von Janusz Tycner

Wieviel Gepäck darf ein Bahnreisender in China mitnehmen? "Nur 35 Kilogramm", so lautete die Überschrift einer lakonischen Meldung der polnischen Nachrichtenagentur PAP aus Peking. Reisende, die im Reich der Mitte mit dem Zug unterwegs sind, sollten – so PAP – diese Regel peinlich genau beachten; sonst könne es passieren, daß sie auf dem Bahnsteig bleiben müssen. Die chinesischen Schaffner seien kürzlich von ihren Vorgesetzten angewiesen worden, die Einhaltung dieser Vorschrift strengstens zu überprüfen.

Interessant, dachte ich und vergaß die Meldung. Das Problem, ob man nun drei oder vielleicht nur zwei Koffer auf die Fahrt, sagen wir, von Fuzhou nach Nanking mit ins Abteil nehmen darf, schien mir aus meiner bescheidenen Warschauer Perspektive doch etwas ausgefallen. Genausogut hätte die Zeitung die Beförderungsbestimmungen der U-Bahn von Buenos Aires oder im Fährverkehr zwischen den indonesischen Inseln Sumba und Sumbawa abdrucken können. In einem Land, in dem das statistische Durchschnittsgehalt gerade noch reicht, um den Flug von Warschau nach Berlin zu bezahlen, sind solche Informationen ohne jeglichen praktischen Wert, dachte ich – ohne zu wissen, wie sehr ich meine Landsleute verkenne.

Bewußt wurde mir das schon einige Wochen später, als es abends an der Tür klingelte. Da stand Grzegorz – beladen mit zwei Reisetaschen und einem Rucksack, dessen Ausmaße an einen Fabrikschornstein erinnerten.

Wir sind zusammen zur Schule gegangen, haben uns aber vor langer Zeit ganz aus den Augen verloren, obwohl er nur drei Straßen weiter wohnt. Grzegorz sei für länger verreist, sagte mir seine Mutter. Nun kam er zurück, nach fast drei Jahren des ständigen Pendelns auf der Strecke Nowosibirsk-Irkutsk-Ulan Bator-Peking. Er habe seine Eltern nicht benachrichtigt, sie seien wohl verreist. Ob er bei mir übernachten könne?

Nach fünf Tagen kam Grzegorz’ Familie aus Masuren zurück. In dieser Zeit öffnete sich mir eine Welt, mit der ich vorher nie in Berührung gekommen war. Eine Welt, in der Dollar-Noten in dicken Bündeln und Zuchtperlen in kilogrammschweren Paketen den Besitzer wechseln. Und doch hatte ich nicht den Eindruck, in ein Milieu von skrupellosen Geschäftemachern und finsteren Schmuggler-Typen geraten zu sein. Es waren vielmehr junge Kaufleute in Jeans und Turnschuhen, die zu Grzegorz kamen, um die von ihm mitgebrachte Ware abzuholen, Neuigkeiten aus Peking oder Schanghai auszutauschen, neue Reisen zu planen.

Vor Jahren sind sie nach Fernost aufgebrochen, um der stickigen Enge des damals kommunistischen Polens zu entkommen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und Geld zu verdienen. Im Westen wären sie wahrscheinlich ehrenwerte Unternehmer geworden. Die sozialistische Planwirtschaft hat aus ihnen moderne Marco Polos, polnische Nomaden der Marktwirtschaft im kommunistischen Asien, gemacht.