Von Harald Geiss

Wer von diesen Erinnerungen, die gleichzeitig in der Sowjetunion und bei uns erschienen sind, bisher nicht bekannte Tatsachen oder neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit den wichtigen innen- und außenpolitischen Entscheidungen der fünfziger und sechziger Jahre erwartet, wird enttäuscht. Weder die Auseinandersetzungen in den Führungsgremien und im Apparat der KPdSU, die Aufstieg und Fall Chruschtschows bedingten, noch die Intervention in Ungarn 1956, der Bau der Berliner Mauer 1961 oder die Kuba-Krise 1962 werden so geschildert, daß familiäre Bindung und enger Arbeitszusammenhang zwischen dem Autor und seinem Schwiegervater durch interessante Enthüllungen und Details zum Ausdruck kämen. Statt dessen beruft sich Adshubej meistens auf Geschichten vom Hörensagen oder zitiert andere Augenzeugen, wie zum Beispiel Schelest zu der Präsidiumssitzung des Zentralkomitees, auf der Chruschtschow 1964 gestürzt wurde, und betont mehrmals, daß an tiefer gehende politische Gespräche mit den Schwiegereltern niemals zu denken gewesen sei.

Adshubej, der 1924 geborene studierte Journalist, heiratete 1949 Chruschtschows jüngste Tochter Rada, arbeitete bis 1959 – zuletzt als Chefredakteur – bei der Komsomolskaja prawda und danach in derselben Funktion bei der Regierungszeitung Iswestija, war Abgeordneter des Obersten Sowjet der UdSSR und seit dem XXII. Parteitag 1961 Mitglied des Zentralkomitees. Alle diese Funktionen prädestinierten ihn zu einer kenntnisreichen und sensiblen Auseinandersetzung mit der sowjetischen Geschichte seit der Etablierung des Stalinismus Mitte der dreißiger Jahre. So kreisen seine Gedanken immer wieder um die Person des "Führers", der sich mit dem Apparat über die Partei erhoben und durch den gezielten Einsatz des Terrors als politisches Instrument Millionen Menschenleben zerstört oder vernichtet habe.

Wie war es möglich, daß Chruschtschow, der seine Karriere genau diesem System verdankte, den Stalinismus überwand und durch einen "administrativen" Sozialismus ersetzte? Adshubej sieht die Gründe dafür sowohl in dem Bedürfnis von Partei und Gesellschaft nach Beruhigung und größerer Sicherheit als auch in der Persönlichkeitsstruktur Chruschtschows, der kein autoritärer Machthaber, sondern "Populist" gewesen sei, an eine Mobilisierung der Basis außerhalb der KPdSU freilich niemals gedacht habe. Das geänderte Klima der fünfziger Jahre beruhe auf der weitgehenden Rehabilitierung der Opfer der "Säuberungen", einer Liberalisierung von Kultur und Wissenschaft, hohem ökonomischem Wachstum und Entspannungsbemühungen im Ost-West-Konflikt.

Andererseits hätten gerade die auf Dezentralisierung zielenden Reformen den Widerstand des Parteiapparates hervorgerufen, so daß Chruschtschow – jenseits aller vielleicht ohnehin vorhandenen Bestrebungen – gezwungen gewesen sei, durch "Ämterhäufung" seine eigene Position auszubauen.

Als Wendepunkt bezeichnet Adshubej schon die Übernahme des Vorsitzes des Ministerrates 1958, da zur Machtkonzentration keine demokratischen Gegengewichte geschaffen worden seien. Damit sei Chruschtschow zum Gefangenen des Apparates geworden, der ihm schließlich den forcierten Aufbau des Kommunismus und somit die Abkehr von all dem aufgezwungen habe, was seine bisherigen Erfolge sicherte. Die zweite Entstalinisierungskampagne nach dem XXII. Parteitag interpretiert der Autor folgerichtig lediglich als Zugeständnis an den Ersten Sekretär, das gleichzeitig dazu dienen sollte, von den beginnenden Mißerfolgen abzulenken. Allerdings sei Chruschtschow nicht bereit gewesen, sich vollständig in die Mechanik des Apparates integrieren zu lassen wie später das "Oberschräubchen" Breschnjew, und habe damit seinen Sturz provoziert.

Ob die beiderseitigen Motive wirklich so eindimensional waren, mag hier dahingestellt bleiben. In jedem Falle überzeugt das strukturelle Deutungsmuster, wenn man die Radikalkur des politischen Systems als wichtigste Voraussetzung für das Gelingen jeglicher Perestrojka betrachtet. Insofern dienen Adshubej nicht nur die Reformansätze der fünfziger Jahre als Richtschnur für Gorbatschow, sondern mehr noch die Gründe für das Scheitern Chruschtschows, obwohl beide – wie er immer wieder betont – einer ganz anderen Generation entstammen. Diese Parallele hat auch der bekannte Ökonomieprofessor und Anhänger der Radikalreformer um Jelzin, Popow, im Auge, wenn er in seinem Nachwort schreibt: "Weil Chruschtschow sich weigerte, die Frage nach der Demontage des administrativen Sozialismus konsequent zu stellen, geriet er in Konflikt mit den werktätigen Massen und der Intelligenz. Weil er sich weigerte, Führer des Systems des bürokratischen Sozialismus zu werden, geriet er in Konflikt mit dem Apparat. Der Rest war eine rein technische Angelegenheit des Apparats." Als Lösung dieses Dilemmas sieht er den Versuch, die Ausübung von Macht durch ihre Verteilung zu sichern.