Von Jutta Scheuer

Mit einem für sowjetische Verhältnisse riesigen Aufwand hat in diesen Tagen ein Kongreß für russische Emigranten in Moskau getagt. Die Schirmherrschaft hatte, noch im Namen des Präsidiums des Obersten Sowjet, Boris Jelzin übernommen. Bei der Eröffnung erteilte Alexej II., der "Patriarch von Moskau und ganz Rußland", den nun wieder als "Landsleute" (sotschestweniki) begrüßten Emigranten den offiziellen Segen der rechtgläubigen russischen Kirche. Eine der prunkvollsten, bisher als Museum genutzten Kathedralen des Kreml stand eigens für diesen Tag offen. In der Geschichte der Sowjetunion war dies die erste offizielle Begegnung mit der Diaspora, mit den Millionen Menschen, die in verschiedenen Wellen seit der Oktoberrevolution 1917 das Land verlassen haben.

Doch die, mit denen der Dialog jetzt in erster Linie geführt werden sollte, waren gar nicht gekommen: die Intellektuellen der Emigration. Als im späten Frühjahr aus Moskau die Einladungen verschickt wurden, zierte den Briefkopf noch die kommunistische Flagge der Russischen Republik mit dem Emblem von Hammer und Sichel. Willkürlich waren die Teilnehmer für "Gespräche am Runden Tisch" benannt worden: Ehrenwerte Namen neben übelsten Mitläufern. Kein einziger der russischen Emigranten war zuvor um seine Meinung gebeten worden. Das Datum wurde viel zu spät festgesetzt. Und dann sollten die einst Vertriebenen auch noch 300 Dollar für die "Einladung" in "ihr" Land zahlen. Die überfällige Aussöhnung des Staates mit russischen Künstlern und Wissenschaftlern der Emigration war gutgemeint, wurde von Leuten in der Fremde aber als Diktat empfunden. So boykottierten sie den Kongreß.

Die meisten der über vierhundert von den Veranstaltern registrierten Emigranten, von denen sich viele selber eingeladen hatten, betrachteten den Kongreß als Angebot für Tourismus: Schiffsfahrten auf Moskwa, Wolga, Don; Besuche im umbenannten St. Petersburg oder anderen altrussischen Städten, Klöstern, Kirchen. Allein das religiöse Programm hätte gereicht, die zwei Kongreß-Wochen zu füllen. Es gab Tage, an denen zu fünf verschiedenen Gottesdiensten geladen wurde. Priester der Moskauer Hierarchie, unterstützt von Popen der ihr unterstehenden Kirche im Ausland, sorgten geschäftig für den Transport der Emigranten von einem heiligen Gebäude ins nächste. Sog man tagsüber den Weihrauch der Orthodoxie ein, gab man sich abends bei Wodka und Krimsekt den Klängen der Balalaika hin.

Vom Leiter des Kongresses, dem Akademiker und Volksdeputierten Nikita Iljitsch Tolstoj, war nicht mehr zu erfahren, als daß die Teilnehmer der "Mittelklasse" angehörten. Beruf, Alter, Namen: Davon sollte die Öffentlichkeit nichts erfahren. Dem Augenschein nach waren die meisten zwischen fünfzig und sechzig. Wenige waren offensichtlich schon vor der Revolution geboren, darunter ein in Schweden lebender Enkel von Leo Tolstoj. Die meisten Teilnehmer kamen aus Australien, den USA, Kanada und Brasilien – und waren zum erstenmal in Rußland. Sie suchten nach vermißten Verwandten – und nach den Gräbern ihrer im Land gebliebenen Angehörigen.

Es waren Journalisten und Kongreßteilnehmer aus der Sowjetunion, die am Nachmittag des 19. August die Versammlung zu einer Resolution gegen die Putschisten zwingen wollten. Doch die Veranstalter bemühten sich, den politischen Charakter der Demonstrationen herunterzuspielen und meinten, ihr Kultur-Kongreß habe "doch nichts mit Politik" zu tun. Natürlich konnte Boris Jelzin nicht, wie vorgesehen, den Kongreß eröffnen. Der Stellvertretende Bürgermeister von Moskau, A.I. Musikantskij, beruhigte die "Landsleute" – danach lief ein für die Emigranten bestimmtes Programm ab, im altvertrauten Stil "echt" sowjetische Heimatschnulzen und mit der sentimentalen Verklärung des "alten" Rußlands und seiner Kirche. Zur selben Zeit versammeln sich die Moskauer vor dem Regierungssitz Jelzins, vor dem schon seit längerer Zeit im Volksmund als "Weißes Haus" bekannten Gebäude der Regierung Rußlands. "Weißes Haus" in Moskau: seit dieser Nacht Synonym für Demokratie.

Am anderen Morgen findet auf dem riesigen Platz vor dem Sitz des russischen Parlaments eine praktisch den ganzen Tag dauernde Massendemonstration statt. Hier, im Bezirk von Krasno Presenskij, waren bei der Revolution von 1905 die Aufständischen gescheitert. Auf den Denkmälern, die an diese Kämpfe erinnern, stehen jetzt junge Leute und schwenken die zaristische Flagge des vorrevolutionären Rußland. Auf der Balustrade des russischen Parlaments erscheinen nach und nach alle, die für die Demokratie kämpfen, und sprechen zum Volk: Jelzin, Schewardnadse, Jakowlew, der Schriftsteller Lew Timofejew und viele Volksdeputierte – unter ihnen auch, mit dem schweren Eisenkreuz um den Hals, der Priester Gleb Jakunin. Er ruft die Kirche zu aktiver Unterstützung der Demokratie auf. Die Menschen scharen sich um Transistor-Radios. Angloamerikanische Sender geben die Situation in der Stadt, im Land, praktisch von Minute zu Minute wieder. Welcher Jubel, als die Erklärungen der amerikanischen, englischen, japanischen Regierungen bekannt werden, die den Putsch verurteilen und Gorbatschows Rückkehr verlangen. Die Stimme Deutschlands fehlt. Helmut Kohl schweigt. Haben die Deutschen Angst vor den noch auf ihrem Territorium stationierten Sowjetsoldaten, fragen sich die Leute.