Von Eckhard Roelcke

Die kleinen Dinge des Lebens haben sich nicht geändert. Gidon Kremer steht an einem Zeitungsstand. Er ist der fünfte in der Schlange, aber trotzdem dauert es zwanzig Minuten, bis er dran ist. Die Verkäuferin muß erst einen ganzen Stapel Zeitungen abarbeiten: eine Zeitung aufschlagen, dann die drei Zeitungen, die dort eingelegt sind, herausnehmen und alle vier dann neu falten und zu einem neuen Stapel zurechtlegen. Kremer hat das schon vor dreißig Jahren so erlebt. Jetzt dauert es sogar noch länger, denn es gibt mehr Zeitungen.

Die Gerüche haben sich auch nicht geändert. Am Flughafen in Riga riecht es nach bröckelndem Beton und billigem Plastik, nach vergilbten Formularen und nach vielen Menschen. In der Eisenbahn auf dem Weg von Riga nach Jurmala an der Ostseeküste riecht es in den schweren und hohen Waggons mit den steilen Eingängen nach Holz und Eisen, nach schmierigen Fenstern und Teer. Und auch das Haus in der nördlichen Innenstadt, in dem der junge Gidon Kremer mit seinen Eltern lange gewohnt hat, ist das alte. An der Toreinfahrt wacht noch immer der steinerne Nachtwächter mit dem Schlüsselbund in der Hand, mit dem hohen Mantelkragen und der Mütze, die tief ins Gesicht gezogen ist Im Innenhof gibt es noch immer diesen Hügel, von dem die Kinder Schlitten hinuntergefahren sind. Unter der Erde soll ein Atombunker sein. Auf der Straße trifft Kremer eine ehemalige Nachbarin. Sie ist umgezogen und wohnt jetzt in der Kremerschen Wohnung von damals.

Die kleinen Dinge des Lebens haben sich fast nicht geändert.

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Als es endlich geschafft ist, abends um zehn Uhr, klettern fünfzehn, zwanzig Menschen auf den umgestürzten Sockel und triumphieren. Fast einen Tag lang hat es gedauert, diesen Koloß zu fällen. 41 Jahre stand der überlebensgroße Lenin auf dem fünf Meter hohen Podest, das linke Bein dynamisch voraus, die recht Hand pathetisch nach oben ausgestreckt. 41 Jahre hat er nach Osten geschaut. Gleich nach dem Putsch hatten die Letten den Lenin mit einem Kran vom Sockel gehoben. Aber selbst dieser Sockel war ihnen auch noch ein Stein des Anstoßes. Sonntagabend, kurz vor Mitternacht, beginnen zwei Arbeiter, mit Preßlufthämmern den Granit und den Stahlbetonkern zu knacken. Aber der Sockel ist hart und für die Ewigkeit gebaut. Am Montagmittag sind erst wenige Zentimeter abgetragen. Schweres Gerät wird herbeigeschafft, mehrere Kräne und Bagger versuchen, den Sockel zu kippen. Es mißlingt. Dann kommt die Abrißbirne und kracht stundenlang gegen das Fundament, bis es wackelt. Riga dröhnt.

Die letzten Treffer wurden von der Menschenmenge mit Gejohle gefeiert. Die Stimmung ist euphorisch, und ein alter Lette sagt in gebrochenem Englisch lakonisch: "We should build the putschman a monument Und dann baut sich ein anderer auf dem umgestürzten Sockel auf und hält eine flammende Rede, die im allgemeinen Jubel und Trubel untergeht. Die Geste aber bleibt im Gedächtnis: den linken Fuß dynamisch voraus, die rechte Hand zur Faust geballt und nach oben gereckt.