Von Thomas Kleine-Brockhoff

Riga, im September

Der Jude Mawrik Wulfsons aus Riga zählt neuerdings zu den bekanntesten Menschen in Lettland, obgleich er weder Regierungsmitglied noch Leichtathletik-Weltmeister ist. Gleich fünfmal innerhalb weniger Monate hat das Fernsehen ein Portrait seiner Familie wiederholt. Immer wieder schwenkte die Kamera über die Schar seiner Nachfahren und ihrer Eheleute: Juden, Russen, Letten, die lettisch, russisch oder deutsch miteinander plauderten. Die Zuschauer erfuhren alles über diese "Familie, die keinen nationalen Streit kennt" – ein Filmtitel als Beschwörungsformel.

Im lettischen Parlament, dem er angehört, wirbt Wulfsons dafür, daß es in seiner Heimat jetzt endlich so tolerant und friedlich zugehen möge wie in seiner Familie. Doch statt dessen droht kaum zwei Wochen nach der endgültigen Loslösung von der Moskauer Zentralmacht eine neue nationale Polarisierung. Hinter den meterhohen Steinbarrikaden, die Rigas Altstadtkern samt Parlament noch immer wie eine mittelalterliche Trutzburg erscheinen lassen, müssen die Abgeordneten jetzt entscheiden: Wer ist eigentlich ein Lette? Wer darf wählen? Es ist, neben der Wahl des Wirtschaftsmodells, die heikelste Frage, die in Riga debattiert wird.

Durch den Federstrich der Unabhängigkeitserklärung sind 48 Prozent der Bewohner Lettlands – zumeist russische Einwanderer – zu Ausländern geworden, so viele wie in keiner der anderen Balten-Republiken. Und Ausländer sollen sie bleiben, jedenfalls nach dem Willen national gesinnter Letten. Setzen sich die Radikalen durch, was angesichts der nationalen Euphorie dieser Tage nicht gänzlich auszuschließen ist, wiederholt sich der Nationalitätenstreit unter umgekehrten Vorzeichen; diesmal müssen die russischen Bürger Nachteile befürchten.

Nach 46 Jahren brachialer Kolonisierungspolitik hat sich vor allem die Hauptstadt Riga völlig verändert. Nur noch gut ein Drittel der 900 000 Einwohner sind Einheimische. Letten wurden ins Landesinnere der Sowjetunion umgesiedelt oder deportiert, Russen wurden angesiedelt. In der alten Hansestadt ist im Laufe der Zeit eine gespaltene Gesellschaft entstanden. Die lettische Minderheit wohnt in den verwinkelten Gassen der Altstadt oder in den Gründerzeitbauten am Altstadtring, die Mehrheit der zugewanderten Russen dagegen in den Hochhausgettos der Vorstädte. Die technische Intelligenz der angesiedelten Industriebetriebe spricht die Amtssprache Russisch, an der Hochschule der Künste wird Lettisch gesprochen, ebenso in sieben der acht Theater. Nahezu alle Letten sprechen Russisch, aber fast drei Viertel der Russen verstehen nur ein paar Brocken Lettisch.

Es gibt lettische und russische Schulen, auch multinationale, in denen sich die gewünschte Vermischung freilich nicht einstellt. "Bei Fußballspielen haben wir immer lettische und russische Mannschaften gebildet", erzählt Juris Poschkus, ein Satiriker und Videofilmer. "Die Lehrer haben uns erzählt, wir sollten nett sein zu den Russen, da haben wir natürlich das Gegenteil getan."