Von Iring Fetscher

Die Anfang 1990 in Amsterdam gegründete Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES) bemüht sich darum, die Fortführung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) zu sichern. Da sowohl der Wissenschaftsrat als auch maßgebliche Stellen der Bundesländer die Notwendigkeit dieser Arbeit anerkannt haben, ist auf eine entsprechende finanzielle Unterstützung zu hoffen. Um die bereits laufenden Arbeiten an einzelnen Bänden der auf etwa 130 Bände berechneten Ausgabe nicht zu unterbrechen, wird von der IMES auch die Tätigkeit der Arbeitsgruppen beim "Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition" (bislang MEGA-Stiftung e. V.), an der Humboldt-Universität sowie an den Universitäten Leipzig, Halle, Jena und Erfurt gefördert.

Das Editionskonzept und die bisher praktizierten Methoden sollen auf einer Konferenz von Editionsspezialisten und den Bearbeitern der bisher veröffentlichten Bände im Frühjahr 1992 in Aixen-Provence diskutiert werden. Kenner der bisherigen Arbeit kritisieren unter anderem die mangelnde Koordination der verschiedenen Abteilungen der MEGA. Es wäre sinnvoll und notwendig, die Edition der veröffentlichten Arbeiten, der Entwürfe, der Briefe und Exzerpte, die der gleichen Zeit entstammen, miteinander zu verzahnen. Das würde die Kommentierung erleichtern und den Arbeitsaufwand verringern.

Abgesehen von den zum Teil tendenziösen Vorworten, die Marx und Engels in eine Perspektive stellen, die zu Lenin und der Russischen Revolution führt, hat sich diese – seit 1975 vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU und vom gleichnamigen Institut beim ZK der SED – betreute Edition Anerkennung in der wissenschaftlichen Welt errungen.

Auch wenn nicht bestritten werden kann, daß die prunkvollen Bände der MEGA dem Prestige der Parteien dienen sollten, die sich auf Marx und Engels beriefen, trägt eine gründliche Lektüre dieser Edition unvermeidlich zu einer kritischen Infragestellung mancher Klischees des "orthodoxen Marxismus" bei. Nicht nur aus diesem Grunde ist eine vollständige Ausgabe noch immer sinnvoll. Da künftig die IMES und eine von ihr zu errichtende zentrale Redaktion dafür sorgen werden, daß die Edition frei von politischen Richtlinien erfolgt, kann mit aufschlußreichen Bänden gerechnet werden. Schon die bisherigen Bände enthalten Informationen, die das Marx-Engels-Klischee korrigieren.

In mancher Hinsicht ist die zweite Abteilung ",Das Kapital‘ und Vorarbeiten" am interessantesten. Bekanntlich hat Marx, nachdem er 1867 den ersten Band des "Kapitals" veröffentlicht hatte, noch sechzehn Jahre gelebt, ohne die weiteren Bände redaktionell abzuschließen. Friedrich Engels sah sich daher genötigt, nach dem Tod von Marx aus dem hinterlassenen Material zwei weitere Bände zusammenzustellen. Die Tatsache, daß sich Marx selbst dieser Aufgabe entzogen hat, ist schon mehrfach kritisch beleuchtet worden. Engels gegenüber hat er offenbar seine Untätigkeit immer wieder verschwiegen. Dafür beschäftigte sich der unermüdliche Arbeiter Marx mit allen möglichen anderen – scheinbar nicht zum Thema gehörenden – Studien. Insbesondere stürzte er sich auf mathematische und naturwissenschaftliche Texte und fertigte Exzerpte aus ihnen an.

Wenn man den Umfang dieser Tätigkeit überblickt, bekommt man den Eindruck, als sei Marx mit seiner eigenen Arbeit nicht zufrieden gewesen und als habe er Zweifel bekommen. Seine Studien können auch als Flucht vor der als unüberwindlich scheinenden Schwierigkeit des Hauptwerks gedeutet werden, zum anderen als Bausteine für eine umfassendere Theorie von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Technik.