ARD, Donnerstag, 29. August: "Fünfzig Jahre Schweigen

Wenn ich eins nicht ertragen kann, sind es Tränen auf dem Bildschirm. Ich meine natürlich keine künstlichen Tränen im Fernsehspiel, sondern echte in der Reportage. Zu oft habe ich mit ansehen müssen, wie der Filmemacher noch ein bißchen draufhält und fragend noch ein bißchen nachbohrt – bis er’s geschafft hat und sein Opfer mit zitternder Kinnspitze den begehrten Schluchzer liefert. Dann folgt der Schnitt. Man hört ihn förmlich, den zufriedenen Durchatmer des Reporters. Ob es um Mauerschützen geht, um Arbeitslosigkeit, Behinderungen oder sexuellen Mißbrauch: Wenn Tränen fließen, ist die Erschütterung garantiert und das Dokument mit dem Betroffenheitssiegel geadelt.

Mir erscheint so ein Kalkül nicht nur abstoßend, sondern auch dumm. Weinen sollen nicht die auf dem Bildschirm, sondern die davor. Daß beides zusammenfällt, passiert selten. In der Regel verbreiten heulende Interviewpartner eine Atmosphäre von Peinlichkeit, die das Mitgefühl erstickt, während kühl protokollierte Schicksalsschläge viel eher Bewegung auslösen. Hinzu kommt, daß eine Verletzung der Anstandsregeln, will sagen die Preisgabe eines um Fassung ringenden Zeitgenossen an den gefräßigen Voyeurismus des Publikums nichts zu tun hat mit "Echtheit", Realismus oder Authentizität.

Harsche Wahrheiten wie diese werden formuliert, um nach ihrer unverhofften Widerlegung ein Stück weniger arrogant und absolut daherzukommen, und so sollte denn auch am 29. August mein Widerwillen gegen Tränen auf dem Bildschirm in eine neue Toleranz hinüberschmelzen. Barna Kabays und Katalin Petenyis Film über die Wolga-Deutschen war eine Sinfonie in Weh, ein 75 Minuten langer Jammerton, ein Chor für Schluchzer und Seufzer und Jeremiaden, eine Parade der zerdrückten Taschentücher, und just darin lag seine Stärke.

Wahrscheinlich hat das damit zu tun, daß die Wolga-Deutschen, diese unglücklichen Nomaden wider Willen, deren Sprache sich nicht hat erneuern dürfen und deshalb schwer zu verstehen ist, mit ihren Gesichtern, ihren Augen, Nasen, Wangen sprechen und daß, worüber sie zu berichten haben, ihr altes, langes Leid, keine Worte mehr verträgt, sondern bloß noch zitternde Kinnspitzen.

Die Zarin Katharina holte einst die Kolonisten ins Land; Lenin überließ ihnen eine eigene Sowjetrepublik, aber Stalin deportierte sie nach Kriegsbeginn als Feinde und "Spione" in die Fremde. Die sibirische Steppe und die "Trudarmee", die Zwangsarbeit, mordeten die meisten, doch es blieben genug übrig, und es wuchsen einige nach: Immer noch sind sie ein Völkchen für sich, die Wolga-Deutschen, mit eigener Sprache, Tradition und Erinnerung, bloß ohne Heimat. "Mutter Wolga ist für uns eine Stiefmutter." Das wollen die vertriebenen Kinder jetzt ändern. Sie wollen zurück – zur Not nach Deutschland, eigentlich aber an die Wolga, wo die Reste ihrer Siedlungen noch stehen: Aber die Russen sind dagegen. "Kein drittes Deutschland im Herzen Rußlands."

Die Reportage der beiden Ungarn vertieft sich in die weinenden Gesichter der alten Leute und fördert damit ein Stück Geschichte dieses Jahrhunderts zutage: Krieg, Flucht, Hunger, von all dem berichten die roten Augen, die gerungenen Hände. Und man fühlt: Anders kann es nicht gesagt werden. Tränen sind nicht gleich Tränen. Erzählen sie ihre Geschichte, sind sie Worte, Zeichen eigener Art. Werden sie vorgeführt wie Trophäen, schmecken sie nicht salzig, sondern faul.

Barbara Sichtermann