Von Fritz J. Raddatz

in geistig-politisches Leseabenteuer sondergleichen. Mit geradezu archäologischer Neugier ist Wolf gang M. Schwiedrzik den Spuren einer intellektuellen Gruppierung nachgegangen, deren Vertreter sich nach 1945 daranmachten, die moralischen Strukturen einer gewandelten Nation zu skizzieren: die Gesellschaft Imshausen, einer weiteren Öffentlichkeit – wohl bereits damals, heute gewiß – unbekannt geblieben.

Es war ein Kreis von Männern "aus bester deutscher Tradition", falls diese Formulierung erlaubt ist: Widerstandskämpfer, KZler, Kommunisten, Christen, Liberale. Der Mittelpunkt war Werner von Trott zu Solz, der älteste Sohn des letzten königlich-preußischen Kultusministers August von Trott, ein konservativer Revolutionär, seit 1931 Mitglied der KPD, Verbindungsmann zwischen den verschiedenen Widerstandsgruppen – von der Roten Kapelle zu Reinhold Schneider, von Bonhoeffer zu Harro Schulze-Boysen oder Beppo Römer. 1945 wurde Werner von Trott persönlicher Referent des ersten Ministerpräsidenten von Groß-Hessen, Karl Geiler. Aus der Zeit stammt eine Denkschrift (die von Trott zusammen mit den evangelischen und katholischen Geistlichen des Kreises Rotenburg an den US-Kommandanten gerichtet hat), die man getrost die "Verfassung" dieser Gruppe nennen darf und die Heinrich Bell einmal – "die Tradition des Widerstands als Angebot für eine neue Ordnung" – als Dokument von wahrhaft historischer Bedeutung bezeichnet hat: "Der Angriff des Nazismus war zentral gegen die Werte der abendländisch-christlichen Tradition gerichtet. Ihm konnte darum schließlich nur widerstehen, wer an diesen unerbittlich festhielt. Solche Menschen fanden sich in allen parteipolitischen Lagern, auch bei den Kommunisten. Zwischen diesen entwickelte sich eine unsichtbare, in Konzentrationslagern, in Verfolgungen, aber auch in den ständigen Gefahren, denen jeder aufrechte Mann tagtäglich ausgesetzt war, erprobte Gemeinschaft... Wenn die politische Neuordnung unseres Volkes nicht von solchen Männern geführt wird, kann sie von keiner eingreifenden Wirkung sein, zu keiner sittlichen Wiedergeburt führen. Denn dieses Volk ist bis in das Mark seiner sittlichen Natur erkrankt."

Die Bravour, die geistige Offenheit, die politische Dialogbereitschaft, mit der gleich die erste Tagung auf dem Trottschen Familienschloß für den August 1947 vorbereitet wurde, verschlagen dem heutigen Leser den Atem: So, genau so hätte der Weg Deutschlands nach dem Kriege gehen müssen; vier Jahrzehnte Irrwege, Katastrophen scheinen plötzlich vermeidbar. Eingeladen wurden demokratische Sozialisten, Christen, linke CDU-Mitglieder wie Sozialdemokraten, Kommunisten, Konservative, sogar ehemalige Nationalrevolutionäre (um Ernst Niekischs Teilnahme an beiden Tagungen bemühte man sich besonders) wie Parteilose. Eugen Kogon, Walter Dirks, Carl Friedrich von Weizsäcker oder der früh schon von Adenauer vehement bekämpfte Jakob Kaiser versuchten Modelle zu diskutieren, die einen demokratischen Sozialismus oder auch einen christlichen Sozialismus als Architekturprinzip der künftigen Gesellschaft verpflichteten. Werner von Trotts Zeitungsartikel, in dem er die von den Alliierten errichtete Demokratie als Errungenschaft nicht der Deutschen charakterisierte, galt als Common sense; von hier aus wollte man erziehen, umerziehen, demokratische Eliten bilden und zu einer Form von nationaler Identität gelangen, die im Jahr 1991 von großer Aktualität ist: "Denn eben wenn es uns gelingen sollte, unseren eigenen Weg zu finden, könnte das sehr leicht das Mißtrauen beider Seiten hervorrufen, während unter anderen Umständen dieser deutsche Weg sehr wohl zur Brücke werden könnte zwischen den Vertretern des Westens und des Ostens. Diese Kluft, die die Welt zerreißt, teilt auch unser Volk in zwei Teile, und so hängt an der Überwindung dieses Gegensatzes seine zukünftige Existenz."

Das Buch liest sich partienweise wie eine Anthologie, in der die Formulierungen verpaßter Gelegenheiten zusammengetragen sind – ob nun Jakob Kaiser sagte: "Die deutsche Jugend wird uns einst verurteilen, wenn wir uns zu schwach, zu klein im deutschen Unglück erweisen, zu unfähig, aus dem deutschen Leid die Einheit zu retten und zu erhalten", oder Walter Dirks die Öffnung des Katholizismus hin zur Arbeiterbewegung verlangte, eine Neuformulierung der sozialen Frage, da die christliche Botschaft nicht mehr vernehmbar gewesen sei, als im Zuge der Industrialisierung das Proletariat entstand: "Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen dem proletarisch-sozialistischen Denken und dem aristokratischen, nämlich die Front gegen das Bürgertum, gegen die Bürgerlichkeit. Ich glaube, daß das ein wichtiges Empfindungselement der ganzen Gruppe ist. Die eigentliche Gegenwelt war die bürgerliche Welt, aus der man rückwärts in Richtung Mittelalter und verschworene Gemeinschaft aristokratisch zurückging und in die sozialistische Zukunft hinein."

Das Spannende des Buches liegt nicht etwa in irgendeiner reißerischen Aufbereitung; vielmehr ist der Ton des Autors wohltuend sachlich – er breitet behutsam und akribisch spannendes Material aus: die Rolle des aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrten Carl Spiecker, der einen Zusammenschluß von linken Christen und Sozialdemokraten anstrebte, das Wort "christlich" im Namen der CDU als unnötige Abgrenzung nach links ablehnte und früh die Gefahr des Auseinanderbrechens der deutschen Innenpolitik in "weltanschauliche Blöcke" erkannte; Adenauer wollte mit so jemandem nicht einmal paktieren: "Spiecker habe zugegeben, ‚daß ihm letzten Endes vorschwebe die Gründung einer neuen Partei, ähnlich wie die Labour Party in England, der der linke Teil der CDU und der rechte Teil der SPD angehören soll‘. Das bedeute die ‚Sprengung der CDU‘. Mit einer Partei, die das Wort ‚christlich‘ bewußt streiche, sei keine Arbeitsgemeinschaft möglich.

In der Folge betrachtete Adenauer Carl Spiecker als einen der gefährlichsten Gegenspieler, was die Frage des zu errichtenden Parteiensystems anging, und als sehr ernst zu nehmenden Verbündeten seiner innerparteilichen Kontrahenten: Jakob Kaiser in Berlin, Karl Arnold in Nordrhein-Westfalen und Werner Hilpert in Hessen. Die Frage, ob Adenauer sich in der CDU auf Dauer würde durchsetzen können oder ob es nicht doch zu einer links orientierten ‚Union der Mitte‘ kommen würde, wie Spiecker sie unter Einschluß der linken CDU und der rechten SPD anstrebte, war noch nicht entschieden."