Der unsichtbare Faden, der Zwillinge zeit ihres Lebens miteinander verbindet, ist plötzlich gewaltsam zerrissen. Wenn das Buch beginnt, ist Jo bereits tot, in die Kiesgrube gestürzt. Zurückgeblieben ist Hannes, der jüngere Zwilling.

Seit er denken kann, stand er im Schatten des älteren, dessen blendend charmantes Wesen ihn als Tölpel, als maulfaulen Eigenbrötler erscheinen ließ. Hannes weiß nicht recht, was er eigentlich empfindet: Schmerz über den Verlust des Bruders, der ihm Freund und Peiniger zugleich war, ungläubiges Entsetzen über den Unfall, den er miterlebt hat, die Ahnung, ab jetzt nur mehr er selbst sein zu dürfen, nie mehr an Jo gemessen zu werden – alles zugleich stürmt auf ihn ein. Die "Befreiung", oft heimlich ersehnt, ist zu jäh gekommen – er begreift sie nicht. Der Wunsch, kein Zwilling mehr zu sein, sondern "nur" einen Bruder zu haben, ist erfüllt und zugleich zerstört worden. Und es bleibt sein Schuldgefühl. Natürlich hat Hannes Jo nicht in die Schlucht hinuntergestoßen, aber hätte Jo die Mutprobe auf sich genommen, wenn er nicht geglaubt hätte, Hannes die Furcht vor Gespenstern austreiben zu müssen?

Beklemmend minutiös folgt die Handlung im Beginn jedes Kapitels dem Ablauf des Begräbnistags: der Reif auf den Dächern am Morgen, die Sträuße auf dem Sarg und die Speisenfolge beim Leichenschmaus im Landgasthof, der schwarze Unterrock der Mutter und die Fragen der kleir.en Schwester – alles wird registriert wie ein Alptraum, fast unbeteiligt. Und ebenso unvermittelt wie kunstvoll wird der Bogen in die Vergangenheit von Jo und Hannes geschlagen, in die Aufarbeitung ihrer Charaktere, die so verschieden und doch unauflöslich miteinander verhaftet waren.

Daß dies alles ohne auch nur einen Anflug von Larmoyanz geschildert wird, ist das Verdienst einer Sprache, die, sensibel beobachtend, keine Oberflächlichkeiten duldet, die alle Gefühle zwischen den Zeilen entstehen läßt und mit scheinbar beiläufigen Dialogen Zwischentöne und Atmosphäre schafft.

Und daß nicht nur erwachsene Rezensenten von diesem Buch angetan sind, sondern auch die, für die es geschrieben wurde – der Preis der Leseratten des ZDF wird bekanntlich allein von Kindern und Jugendlichen vergeben –, spricht diesmal erfreulicherweise für sich. Karla Schneider

  • Monika Feth:

Und was ist mit mir?

Verlag Sauerländer, Aarau/Frankfurt am Main 1991; 160 S., 24,80 DM