Bei Erkältung gabs einen Wollschal um den Hals, und bei grippalen Infekten eine Schwitzkur mit heißem Fliederbeersaft. Das war schon das Instrumentarium kluger Mütter, um alltägliche Erkrankungen zu heilen. Auch für kleine Wehwehchen gab es Linderung. Umschläge mit aufgekochten Kartoffeln oder einfach kaltem Wasser beispielsweise bei Verbrennungen linderten den ersten Schmerz, ohne daß gleich der Hausarzt bemüht wurde. Diese schlichten und nebenwirkungsfreien Hausmittel schienen etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Antibiotika und Antipyretika zur Bekämpfung von Infektionen und Fieber haben sie verdrängt. Jetzt erinnern wir uns wieder an die alten Hausmittel, denn die Behandlung mit sogenannten natürlichen Heilmitteln, von der Naturheilkunde propagiert, liegt im Trend. Dieser hat sogar die deutschen Universitäten erreicht. In Berlin besteht bereits ein Lehrstuhl, die Universität Mainz wird ihn nach langem Tauziehen erhalten.

Politiker waren dabei nicht untätig. Am 20. Juni 1990 forderte der Deutsche Bundestag die Regierung in einem Antrag auf, die Naturheilkunde stärker zu fördern. Das Ziel dieses Antrags, dem "Mangel einer wissenschaftlichen Durchdringung" abzuhelfen, ist uneingeschränkt zu begrüßen. Die Erforschung von natürlich vorkommenden Substanzen, zum Beispiel Pflanzenextrakten oder Mineralstoffen, und ihrer möglichen Heil- oder Unheilwirkung auf den Menschen sollte auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt werden. Bei genauerer Betrachtung dieses naturheilkundlichen Aufbruchs drängt sich jedoch die Metapher des Trojanischen Pferdes geradezu auf. Liest man die Beschlußempfehlung an den Deutschen Bundestag nämlich genauer, so werden dort nicht nur die Naturheilverfahren, sondern "Naturheilverfahren und Homöopathie" zur Förderung empfohlen. Einer unter Laien, offenbar auch unter den Abgeordneten verbreiteten Ansicht zufolge bedeuten beide Begriffe anscheinend dasselbe. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Naturheilkunde könnte man ein Gebiet der Medizin nennen, das sich mit der wissenschaftlichen Bearbeitung, von überlieferten, häufig "natur" nahen Ratschlägen für Ernährung, Gesunderhaltung (Abhärtung) und Therapie (zum Beispiel mit Luft, Licht, Wasser und in der Natur vorkommenden Stoffen) oder auch mit der Neuentdeckung solcher Methoden beschäftigt. Nur quasi zufällig — bedingt durch die vor 200 Jahren bekannten Stoffe — verwendet die von Samuel Hahnemann begründete Homöopathie in der Natur vorkommende Substanzen, allerdings in extremen Verdünnungen. Sie beschreibt "Arzneibilder", womit die Symptomatik gemeint ist, die ein Arzneimittel bei einem Gesunden hervorruft, und schließlich wird nach dem "Ähnlichkeitsprinzip" therapiert. Das bedeutet, daß für einen Kranken das Arzneimittel ausgewählt wird, dessen Auswirkungen bei Gesunden der Symptomatik des Patienten möglichst ähnlich sind.

Die Richtigkeit oder Sinnhaftigkeit dieses Regelsystems ist nie belegt worden. Die dort festgelegten Grundprinzipien sind für die wirkliche Naturheilkunde auch völlig überflüssig. Während es sich bei ihr um einen Zweig der Medizin handelt, der zwar bisher relativ wenig untersucht, aber für Forschungen offen ist, handelt es sich bei der Homöopathie um ein dogmatisches, forscherisch unantastbares Gedankengebäude, vielfach widerlegt und auf wissenschaftlich völlig unhaltbaren Fundamenten basierend — ein Überbleibsel veralteter, irrationaler Medizin.

Diese klare Charakterisierung wurde nach ausgiebigen Recherchen 1986 erneut durch eine Kommission der British Medical Association bestätigt. Das nach Hahnemann benannte College in PhiladelphiaUSA lehrt nach mehr als 100 Jahren Forschung schon seit 1950 die Homöopathie nicht mehr, weil man in dieser langen Zeit keinen wissenschaftlich fundierten Beleg für die Wirksamkeit homöopathischer Präparate gefunden hatte. Obwohl also in einer längst geklärten, widerlegten Position, haben es ihre Vertreter, allen voran der Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, Karl Heinz Gebhardt, sowie Veronika Carstens, mit großem Engagement erreicht, daß die Homöopathie wieder salonfähig wird. Geschickt haben sie dabei genau jenes Mißverständnis benutzt, daß die Homöopathie Naturheilkunde sei. Die Strategie ist auf der ganzen Linie erfolgreich: In Niedersachsen wurde di: "Akademie für Homöopathie und Naturheilverfahren" gegründet, in Wittenberg wird ein entsprechendes Fortbildungszentrum aufgebaut, homöopathiebewegte Studenten organisieren Vorlesungsreihen von homöopathischen Ärzten an den Hochschulen mit offensichtlicher Duldung der Fakultäten. Die bestehende ärztliche Zusatzbezeichnung "Homöopathie", deren Abschaffung bisher ausschließlich an berufspolitischen Rücksichtnahmen gescheitert ist, soll laut einer Forderung der Hahnemann Gesellschaft zur Facharztbezeichnung aufgewertet werden. Schließlich sollen homöopathische Glaubensinhalte, getarnt als Naturheilkunde, Eingang in die Medizinerausbildung und priifung finden, so unglaublich dies auch klingen Während es undenkbar ist, daß astrologische Vorstellungen bei Studenten der Astronomie oder kreatianistische Thesen bei Studenten der Biologie geprüft werden — es sei denn, in der Wissenschaftsgeschichte des jeweiligen Fachs —, soll Ähnliches aber Medizinstudenten zugemutet weiden. Ist es wirklich vorstellbar, daß im Jahr 1993 ein Medizinstudent im Fach Naturheilkunde die Prüfung nicht besteht, wenn er sich mit "Potenzierung" und "Ähnlichkeitsregel", zwei der Dogmen der Homöopathie, nicht auskennt? Ideologien haben an einer Hochschule keinen Platz, deshalb ist es bei aller in der Praxis geübten Toleranz sehr problematisch, Homöopathie als Lehrfach an den Hochschulen zu etablieren.

Man könnte auf die naive Idee kommen, daß der Drang an die Hochschulen von dem intensiven Bemühen getragen wird, die homöopathischen Theorien kritisch zu erforschen. Kaum etwas ist so unwahrscheinlich wie dies, wie zahlreiche ähnliche Versuche in der Vergangenheit zeigen. Die vielfachen negativen Studienergebnisse sowohl der praktischen Anwendung wie auch der theoretischen Grundlagen irritieren die homöopathischen Glaubensanhänger nicht. Kritik an angeblich positiven Ergebnissen, etwa den Untersuchungen Günther Harischs von der Tiermedizinischen Hochschule Hannover — von Frau Dr. Carstens in einer kürzlich ausgestrahlten Talk Show pathetisch als "Beweis" gepriesen —, oder klare Widerlegungen, wie etwa der katastrophale Flop der Pariser "Wassergedächtnis" Experimente, beeindrukken Homöopathen nicht. Einzelne positive Studien belegen möglicherweise die Wirksamkeit der in homöopathischen Präparationen verwendeten Pflanzenextrakte. Niemand bestreitet das. Mit den Prinzipien der Homöopathie hat dies jedoch nichts zu tun. Der Versuch einer "wissenschaftlichen Homöopathie" ist ein Widerspruch in sich. In auffälligem Gegensatz zum Drang an die Hochschulen steht denn auch die weitgehende Ablehnung einer wissenschaftlich anerkannten Methodik zur Prüfung homöopathischer Präparate. Unter Berufung auf unerklärbare Besonderheiten werden Homöopathika deshalb immer noch von einer gesonderten Kommission im Bundesgesundheitsamt bearbeitet, die sich um alles, was Herstellern "konventioneller" Präparate sinnvollerweise auferlegt wird, nicht zu kümmern braucht. Sorgfältige, kontrollierte Arzneimittelprüfungen scheuen viele Homöopathen wie der Teufel das Weihwasser, Nebenwirkungen werden kategorisch negiert. Wenn man weiß, daß Homöopathen Quecksilber, Arsen und das Umweltgift PCB verwenden, müßte die Behauptung, solche homöopathischen Präparate seien nebenwirkungsfrei, auf einen Schlag etliche tausend Wissenschaftler im Toxikologie- und Umweltbereich überflüssig machen. So "existiert also bei diesen Arzneimitteln die Situation, daß die den Glaubensrichtungen anhängenden Ärzte über Sicherheitsmaßnahmen des BGA entscheiden und nicht der Sachverstand", beklagt der klinische Pharmakologe Peter Schönhöfer die derzeitige Situation. Die augenblickliche Hochschul Freundlichkeit homöopathischer Mediziner hat denn auch nur ein Ziel, nämlich das erreichte Ergebnis zur Ursache umfunktionieren zu können, daß die Homöopathie gut und anerkannt sein müsse, weil sie ja jetzt in den Hochschulen vertreten sei.

Rudolf Virchow hat um die Jahrhundertwende davor gewarnt, daß "wir auf den primitiven Zustand zurückkommen, aus dem die wissenschaftliche Medizin hervorgegangen ist". Die Tolerierung des Einzugs von ideologisch getragener Paramedizin in die Hochschulen wird den wissenschaftlichen Disziplinen und nicht zuletzt auch der seriösen Naturheilkunde Schaden zufügen. Ihr wird es noch schwerer gelingen, sich aus dem Einfluß der Dogmatiker zu lösen und weg von den alten und neuen Parawissenschaften zu einem eigenen Selbstverständnis zu finden. Es scheint an der Zeit, daß die Hochschulen das Problem erkennen und handeln, denn, wie es der Berner Professor Max Geiser in der Neuen Zürcher Zeitung formulierte, "auf Gebieten, auf denen irrationales Denken und Handeln Schaden stiftet, kann sich eine Gesellschaft keine Bücklinge vor der Irrationalität leisten".