Ach, nicht nur der Bizeps schwoll im begeisterten Akt; starke Hände umspannten den Stiel des Werkzeugs wie eine schöne Waffe; Gesichter lösten sich im Elan der kräftigen Tat zu einem freien Lachen; die Brust vor allem dehnte sich mächtig, erfüllt von Gefühlen, die nur edel genannt werden durften: So hieben sie, die späten Bezwinger der Mauer, unermüdlich in den starren Beton. Mit gleichsam demokratischem Eifer wurde die spitze Hacke erhoben, mit freiheitlicher Feierlichkeit verharrte sie eine Sekunde dort oben, mit patriotischem Elan sauste sie nieder. Deutsche Revolution. Ein Schurke, der sich daran stieß, daß sich die Brocken an vaterländisch empfindende Landsleute und mitfühlende Ausländer mit hübschen Gewinnen verscherbeln ließen. So geht es eben zu, wenn Geschichte zum Ausverkauf steht. Ein Bröckchen des alten Gemäuers in der Vitrine wies den Besitzer als untadeliges Mitglied der Nation aus, der künftig einen, unteilbaren. Der Betreiber des Handels mit jenen ungefügen Zeugnissen des Zeitgeistes wurde steinreich, im wörtlichsten und in übertragenen Sinn. Der tüchtige Mensch hatte rasch erkannt, daß Revolutionen, Umbrüche, neue Epochen immer im Souvenirladen enden.

Die deutschen Behörden indes, von ihrem Trachten nach Ordnung und Gerechtigkeit bestimmt, suchten zu verhindern, daß sich allzu robuste Repräsentanten des triumphierenden Kapitalismus der Mauerzerkleinerung bemächtigten. Darum beschloß die letzte, sozusagen demokratisch legitimierte Regierung der verblichenen DDR, den Verkauf des monströsen Bauwerks monopolistisch besorgen zu lassen. Flugs wurde – wie anders? – ein Kuratorium berufen, das die Verwendung des Erlöses überwachen sollte. Die Gelder würden, so war vereinbart, vor allem den Einrichtungen der Gesundheits- und (noch sinniger) der Denkmalspflege in Ostdeutschland zugute kommen. Siebenundsechzig Anträge nahm das Gremium entgegen. Könnten sie alle bedacht werden, entfielen auf jedes Förderungsobjekt exakt 34 3228 Deutsche Mark und 35,8 Deutsche Pfennige, denn der Gesamterlös wurde mit 2,3 Millionen errechnet. Keine zu üppige Summe, doch besser als ein Stoß mit dem dreckigen Stecken ins Auge, wie die Schwaben sagen, die vom Geld, vom Stoßen und Stechen dieses und jenes verstehen.

Nichts davon. Es gibt, wie der Evangelische Pressedienst zu berichten wußte, keinen Heller. Oberkirchenrat Martin Ziegler, der Vorsitzende jenes Kuratoriums, ließ die Öffentlichkeit wissen, seiner Bitte "um die Freigabe der Mittel" sei das Bundesfinanzministerium zunächst mit dem Hinweis begegnet, es habe den "Vorgang" an das Verteidigungsministerium weitergeleitet, denn die Bundeswehr war noch mit dem Wer der Zerstörung beauftragt worden. Freilich, der Chef von Wehr und Waffen erklärte sich seinerseits für ganz unzuständig und reichte die Akte an die Kanzlei des Herrn Kollegen Waigel zurück. Von dort erging im März der Bescheid, man habe die Trümmer-Gewinne dem Haushalt zufließen lassen, da – nach den Bestimmungen des Einigungsvertrages – auch die Mauer in den Besitz des Bundes gelangt sei. Doch kein Zweifel: Auch im Etat unserer gemeinsamen Republik dienten die 2,3 Millionen "der Erfüllung öffentlicher Aufgaben in den neuen Ländern". Unzufrieden und unverzagt wandte sich darauf der Oberkirchenrat Ziegler an den Kanzler selber: ein letzter Versuch, das Mauergeld für die einst ausgewiesene Bestimmung zu retten. Das war im Mai. Eine Antwort stand bei der Niederschrift dieser Zeilen aus.

Aber ist es der Macht unseres höchsten Historikers anheimgegeben, die Unerbittlichkeit seiner Administratoren mit einem Federstrich zu korrigieren? Könnte er es zuwege bringen, den Erlös des gesamtdeutschen Reliqienhandels aus den Abgründen des Bundessäckels zu befreien? Dürfte er das überhaupt? Nicht nur die Rechtslage, sondern vor allem die deutsche Logik spricht für den Finanzminister: Revolutionen haben in Deutschland, ob getrennt oder vereinigt, der Stärkung des Staates zu dienen, punktum. So war es immer. So wird es bleiben. Die wahre Mauer sitzt in den Köpfen. Sie wird nicht demoliert. Um keinen Preis der Welt. Klaus Harpprecht