Als ich vor zwei Jahren den ersten Versuch unternahm, Ernst Jünger für ein ZEIT-Gespräch zu gewinnen, dachte ich sofort, es könnte geschehen, daß der Tod des Dichters meine Pläne durchkreuzt und ich, um aus meiner Vorbereitung dennoch Nutzen zu ziehen, eine Abhandlung über ein durch den Tod des Interviewpartners vereiteltes Interview schreiben müßte. Jünger war damals knapp vierundneunzig. Aus seinem Buch über den Ersten Weltkrieg, „In Stahlgewittern“, notierte ich die Beschreibung seiner sechsten Verwundung: „Ich glaubte, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der Erwartung des Todes weder Schmerz noch Angst. Im Stürzen sah ich die weißen, glatten Kiesel im Lehm der Straße. Ihre Anordnung war sinnvoll, notwendig wie die der Sterne und verkündete große Geheimnisse.“ Dreißig Seiten später der nächste Treffer: „Nun hatte es mich endlich erwischt... Als ich schwer auf die Sohle des Grabens schlug, hatte ich die Überzeugung, daß es unwiderruflich zu Ende war: Und seltsamerweise gehört dieser Augenblick zu den ganz wenigen, von denen ich sagen kann, daß sie wirklich glücklich gewesen sind.“ Der Zwanzigjährige hatte zum vermutlich ersten Mal Glück erlebt: im vermeintlichen Augenblick seines Todes.

Über das Glück im Todesaugenblick wollte ich mit Ernst Jünger sprechen. Er hat es nicht nur an sich selbst erforscht. In den Gesichtern gefallener Krieger entdeckte er einen Ausdruck von Frieden und Heiterkeit. In den letzten Worten Verstorbener, die er akribisch gesammelt hat, äußert sich häufig ein frohes Erstaunen. Angenehmes scheint uns bevorzustehen. Die Nähe des Todes, die Jünger zunächst auf dem Schlachtfeld, später im Drogenrausch suchte, gewährte ihm, dem Ungläubigen, Einblick in kommende Freuden. In seinem gedanklich wohl tiefsten Werk, „An der Zeitmauer“, schreibt er: „Der Tod ist eine Bruchstelle, kein Ende.“ Zu seiner Lieblingslektüre gehört die Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Tolstoi, in der der Sterbende statt des Todes ein Licht erblickt, Licht ohne Schatten.

Wer so um Beweise für ein schöneres Jenseits ringt, muß früh begriffen haben, daß das Leben ein Schrecken ist. „Wir haben in einer harten Schule erkannt, daß das Leben ungerecht ist und ungerecht sein muß, wenn es sich erhalten will“, so Jünger 1927. „Wir glauben an keine allgemeine Moral.“ Die Frucht solcher Erkenntnis kann Zynismus sein, Depression oder Selbstmord. Jünger fand einen vierten Weg. Er feierte das Entsetzliche. „Im Kampf, der alle Übereinkunft vom Menschen reißt wie die zusammengeflickten Lumpen eines Bettelmannes, steigt das Tier als geheimnisvolles Ungeheuer vom Grunde der Seele auf. Da schießt es hoch aus verzehrender Flamme, als unwiderstehlicher Taumel, der die Massen berauscht, eine Gottheit, über den Heeren thronend. Wo alles Denken und alle Tat sich auf eine Formel zurückführt, müssen auch die Gefühle zurückschmelzen und sich anpassen der fürchterlichen Einfachheit des Zieles, der Vernichtung des Gegners.“

So steht es in der 1922 publizierten Schrift „Der Kampf als inneres Erlebnis“. Hinter Jüngers Kriegsbegeisterung verbirgt sich eine verzweifelte Sehnsucht nach Ordnung. „Der Anblick des Gegners bringt neben letztem Grauen auch Erlösung von schwerem, unerträglichem Druck.“ „Das Kämpfertum, der Einsatz der Person, und sei es für die allerkleinste Idee, wiegt schwerer als alles Grübeln über Gut und Böse.“ „Kopf hoch, laß die Gedanken im Winde zerflattern.“ „Leben heißt töten.“ So einfach wird plötzlich alles. An die Utopie einer besseren Welt konnte Jünger nicht glauben. Wie aber den Verlust aller Illusionen ertragen? Er schlägt den Ausweg in die Ekstase vor: „Das ist ein Rausch über allen Räuschen, eine Entfesselung, die alle Bande sprengt. Es ist eine Raserei ohne Rücksicht und Grenzen, nur den Gewalten der Natur vergleichbar. Da ist der Mensch wie der brausende Sturm, das tosende Meer und der brüllende Donner. Dann ist er verschmolzen ins All, er rast den dunklen Toren des Todes zu wie ein Geschoß dem Ziel.“

In tödlicher Gefahr bleibt keine Zeit mehr zum Grübeln, und spätestens im Tod endet das Chaos: „Er ist auf dieser unvollkommenen Welt ein Vollkommenes und die Vollendung schlechthin.“ Am 8. Dezember 1941 liest Jünger in Paris, wo er die Kriegsjahre als Offizier im Stab des Militärbefehlshabers für das besetzte Frankreich verbringt, Abschiedsbriefe erschossener Geiseln. Er notiert: „Die Lektüre kräftigte mich. Der Mensch scheint in dem Augenblick, in dem man ihm den Tod verkündet, aus dem blinden Willen herauszutreten und zu erkennen, daß der innerste aller Zusammenhänge die Liebe ist. Außer ihr ist vielleicht der Tod der einzige Wohltäter auf dieser Welt.“ Über die Wohltat des Todes hat er sich oft geäußert. Daß daneben die Liebe gleich hoch rangiert, hat er wohl nicht angenommen. „Was ich am Menschen liebe, ist sein Wesen jenseits des Todes“, schreibt er ins Tagebuch. „Die Liebe hier ist ein matter Abglanz nur.“ Zwar gibt es Andeutungen über erotische Abenteuer. In Brüssel, wohin es ihn während des Ersten Weltkriegs verschlägt, erfreut ihn der Aufmarsch der Nutten: „Da paradierte in langen Reihen bereite Weiblichkeit, die Lotosblumen der Asphalte.“ In Vincennes geht er am 1. Mai 1941 mit einer jungen Kontoristin ins Kino. „Ich berührte dort ihre Brust. Ein heißer Eisberg, ein Hügel im Frühling, in den Myriaden von Lebenskeimen, etwa von weißen Anemonen, eingebettet sind.“

Doch von größeren Leidenschaften wird nicht berichtet. Umm-el-Banine, eine russische Schriftstellerin, die Jünger in Paris kennenlernte, beklagt in einem bisher nur auf französisch erschienenen Buch über den unerwidert Geliebten, sie habe sich neben ihm nie als Frau gefühlt. Wahrscheinlich war sie zu klug. „Bei klugen Frauen“, so Jünger im Tagebuch, „ist es schwierig, die Distanz zum Körper zu überwinden, als ob sie der stets wache Geist mit einem Gürtel rüstete, der die Begierde zum Scheitern bringt.“ Kriegsbedingte Phasen der Abstinenz hat er gut ausgehalten. „In langen Zeiten der Askese, in denen wir selbst die Gedanken zähmen, empfangen wir einen Vorgeschmack von Altersweisheit, Serenität.“ Anläßlich seiner Heirat mit der Offizierstochter Gretha von Jeinsen, 1925 in Leipzig, schreibt er der Großmutter knapp: „Wir verstehen uns recht gut.“ Und als er nach Grethas Tod 1960 mit der 22 Jahre jüngeren Archivarin Liselotte Lohrer zusammentrifft, meldet er Banine nach Paris: „Ich werde ihr eine bessere Beschäftigung suchen.“ Gemeint ist die Ehe.

Bei meinem ersten Besuch im oberschwäbischen Wilflingen, wo Jünger seit 1950 die ehemalige Oberförsterei des Stauffenbergschen Schlosses bewohnt, konfrontierte ich ihn mit der, wie ich gestehe, gewagten These, er habe das Weibliche in sich unterdrückt und sich von Frauen, die ihr Begehren zeigten, bedroht gefühlt. Daß es zu diesem Besuch überhaupt kam und was sich daraus noch entwickeln sollte, hätte ich mir im Frühjahr 1989, als ich die ersten Kontakte knüpfte, nicht träumen lasse. Jüngers Unzugänglichkeit war mir bekannt. Der Spiegel hatte zehn Jahre auf ein Interview warten müssen. Der Klett-Cotta-Verlag wies mich dezent auf das Alter des Dichters hin. Ich schrieb ihm trotzdem. Sechs Wochen später kam eine Karte von seiner Frau. Ihr Mann verstehe, „daß er auf Grund seiner hohen Jahre ein besonders begehrtes Objekt darstelle“, aber er wolle kein Interview geben. Ich schlug statt eines Interviews einen Spaziergang vor. Zu meinem Erstaunen stimmte Jünger nun zu. Doch als ich ihn am 8. November besuchte, war es zu kalt zum Spazierengehen. Er empfing mich in seinem Arbeitszimmer.