Bulgarien kann sich die Abschaltung seiner maroden Atomkraftwerke nicht leisten

Von Wolfgang Hoffmann

Es ist eine der heikelsten Fragen, die dem bulgarischen Staatspräsidenten Schelju Schelew überhaupt gestellt werden kann, und der Philosoph im bulgarischen Präsidentenpalais antwortet darauf so, als sei er sein Leben lang nichts als Diplomat gewesen: "Ihre Frage ist zu konkret."

Die Frage ist, ob und unter welchen Bedingungen Bulgarien seine maroden Kernkraftwerke stilllegen könnte. Das Problem bewegt Westeuropa seit Wochen, und zwar wesentlich mehr als die Bulgaren, die derzeit ganz andere Sorgen haben. Dabei wären in erster Linie sie betroffen, sollte sich im Atomkraftwerk Kosloduje, 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Sofia am Ufer der Donau, eine Reaktorkatastrophe wiederholen, wie sie sich vor fünf Jahren im ukrainischen Tschernobyl ereignete.

Bulgariens erster, nach vierzig Jahren kommunistischer Diktatur freigewählter Präsident – er besuchte diese Woche die Bundesrepublik – hat dann aber gegenüber der ZEIT doch noch einige beruhigende Worte für die ängstlichen Europäer: "Was ich sagen kann, ist, daß unser Land am meisten an dem gefahrlosen Betrieb der Atomkraftwerke interessiert ist und daß wir alles unternehmen werden, was möglich ist und in unseren Kräften steht, um niemanden zu gefährden."

Dieses Versprechen einzulösen wird dem armen Balkanstaat jedoch schwerfallen. Die Staatskasse ist leer und der Europäischen Gemeinschaft war die Angst vor einem bulgarischen Super-Gau bisher gerade 25 Millionen Mark wert. Doch um vier von insgesamt sechs bulgarischen Atommeilern auf westliches Sicherheitsniveau zu bringen, reichen vermutlich nicht einmal dreistellige Millionenbeträge.

Bulgarien hat sechs Kernkraftwerke aus der Sowjetunion importiert. Zwei neuere mit einer Leistung von je 1000 Megawatt entstanden in den achtziger Jahren. Eine der beiden Anlagen ist seit 1987 in Betrieb, die zweite wird gegenwärtig hochgefahren. Beide stehen derzeit nicht zur Disposition. Umstritten sind dagegen die vier älteren Blöcke aus den siebziger Jahren, jeder mit einer Leistung von 440 Megawatt.