Immer wieder stelle ich mir die Frage: Warum gerade ich? Oder ich grübele: Wie ist es dazu gekommen? Manchmal protestiere ich: Ich habe nicht die Pest! Trotz langer Ausbildung und langer Berufserfahrung bin ich arbeitslos – seit vierundzwanzig Monaten.

Viele werden nach längerer Dauer der Arbeitslosigkeit krank. Ihre Kräfte lassen nach. Sie gehen öfter zur Ärztin und treten so in Kontakt zu anderen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Natürlich bin ich froh darüber, gesund zu sein. Es ist mir wichtig, und ich investiere viel Zeit dafür. Ich genieße das Essen und die Bewegung draußen täglich. Nur manchmal spüre ich soviel Energie, ungenutzte Energie, und mich beschleicht abends die Angst, ob ich wohl müde werde zur Nacht.

Es überraschte mich anfangs am meisten, daß es – abgesehen vom Besuch beim Arbeitsamt selbst – für mich keine Gelegenheiten mehr gab, in Gesellschaft anderer Menschen zu sein, ohne zugleich Geld einsetzen zu müssen. Wenn ich jemanden besuche, eine Verabredung treffe, ins Theater oder zur Frisörin gehe, wenn ich einkaufe oder Sport treibe, muß ich Geld ausgeben. Das gilt natürlich für Berufstätige auch. Doch während es früher Zeiten gab, in denen ich anderen Menschen begegnete und für diese Zeit bezahlt wurde, so gibt es diese Zeiten heute nicht mehr. Heute gilt, Kontakte kosten Geld.

So geht es mir nach einhundertundvier Wochen Arbeitslosigkeit.

Den Tag zu strukturieren ist täglich eine neue Anforderung. Es gibt keine alltäglich sich wiederholenden Erwartungen, die andere an mich richten. Es kommt niemand wegen der Erledigung einer Aufgabe auf mich zu. Ich kann tun und lassen, was ich will, den ganzen Tag lang. Diese faszinierende Chance habe ich in den ersten Monaten regelrecht ausgekostet. Doch auf einmal reichte es, es wurde mühselig.

Nach wie vor bereite ich mir dreimal täglich eine Mahlzeit zu und gliedere so meinen Tag. Als ich kürzlich in der Zeitung las, daß Asylbewerberinnen und Asylantinnen diese Möglichkeit neuerdings durch die Auszahlung von Sozialhilfe in Naturalien verwehrt wird, war ich zutiefst schockiert über dieses menschenverachtende Handeln in Bürokratien. Keiner Arbeit nachgehen zu können, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, untätig zu sein, ist schwer genug zu bewältigen. Doch darüber hinaus der Entscheidung beraubt zu sein, welche Nahrungsmittel ich zu mir nehme und auf welche Art und Weise ich diese zubereite, da wäre ich zutiefst getroffen. Während meiner Arbeitslosigkeit ist das Kochen die regelmäßige und produktive Tätigkeit geworden, mittels derer ich mich mit meiner Umwelt auseinandersetze – seit siebenhundertdreißig Tagen.

Der Kontakt zu anderen veränderte sich grundlegend, als die Berufsrolle entfiel. Ein Kollege riet mir zu heiraten, dann sei ich ja wieder versorgt. Sie schlugen mir vor, zu putzen, einen Garten zu bestellen, zu kellnern, mal einzuspringen, Kinder zu hüten, aushilfsweise zu verkaufen. Arbeit gäbe es doch genug. Da ich die verdeckten Aggressionen hinter diesen wohlgemeinten Ratschlägen immer mehr fürchten lernte, gebe ich einer ganzen Reihe Personen gegenüber an, ich sei freiberuflich tätig. Das hört sich interessant an und ist nicht zu überprüfen. Wieder anderen erzähle ich, ich sei in einer Umschulung.