Mit den großen Entdeckungsreisen des 16. Jahrhunderts dehnte die Alte Welt ihre Horizonte aus, und noch bevor man sich entschieden hatte, ob einen ungeheure Reichtümer oder unbekannte Schrecken erwarteten, begannen die Konturen der neuen Welt sich auf dem Papier abzuzeichnen. Kartographen überall im westlichen Europa wetteiferten darum, die neuen Erkenntnisse in ihren Darstellungen festzuhalten, die ihren Auftraggebern, den ausgreifenden Mächten Europas, zur Absteckung ihrer Ansprüche und den Seefahrern auf ihren Reisen ins Ungewisse als notdürftige Wegweiser dienten.

Ein jetzt im Westermann-Verlag erschienener Bildband dokumentiert dieses Zeitalter, in dem die Welt neue Gestalt anzunehmen begann, mit Karten vom Vorabend der Reisen des Kolumbus bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, als der Verlauf der Küsten weitgehend bekannt war und man sich der Unterjochung der neuen Länder zuwandte. Kenneth Nebenzahl hat die erläuternden Texte verfaßt und sich dabei auf einen umfangreichen Literaturapparat gestützt, den er durch detaillierte Quellennachweise auch dem Leser öffnet. Die über fünfzig hochwertigen Tafeln lassen erkennen, daß die Kartographie früher einmal mehr eine Kunst als ein Handwerk gewesen sein muß: Mit Speeren bewaffnete "Kannibalen", fischschwänzige Einhörner und walgroße Seeungeheuer bevölkern die Darstellungen der niederländischen oder italienischen Meister. Sie geben nicht nur über die Lage ferner Küsten Auskunft; in ihnen kristallisieren sich die Erwartungen und Ängste des frühneuzeitlichen Europäers auf der Schwelle zu einer neuen Welt. Mirjam Zimmer

  • Kenneth Nebenzahl:

Der Kolumbusatlas

Karten aus der Frühzeit der Entdeckungsreisen; Westermann Verlag, Braunschweig 1990; 166 S., Abb., 148,– DM