Jena/Stuttgart

Für die enge emotionale Bindung zu seinem "Häusle" muß der Schwabe vom Rest der Welt viel Spott ertragen. Kaum macht er nördlich des Neckars seinen Mund auf, schallt ihm ein höhnisches "Schaffe, schaffe, Häusle baue, und nicht nach den Mädle schaue" entgegen – ein Spruch, der nur vordergründig Respekt vor der hohen Eigenheimquote in Baden-Württemberg bezeugt. Ganz unrecht haben die Spötter jedoch nicht: Die Liebe zu den eigenen, meist unter viel Schweiß erstellten vier Wänden läßt dem Schwaben jede Art von unrechtmäßiger Inbesitznahme als das Widerwärtigste erscheinen, was es an Scheußlichkeiten auf dieser Welt gibt. Ein Hausbesetzer gilt darum den Schwaben als dem Teufel gleich, und er dankt täglich dem Herrgott dafür, daß die Hamburger Hafenstraße und Berlin-Kreuzberg so weit von Stuttgart entfernt liegen.

Diese Eigenschaften müssen sich bis in die fünf neuen Bundesländer herumgesprochen haben. Denn nur so ist zu erklären, warum jene drei Hausbesetzer in Jena so erschraken, als sie erfuhren, der neue Hausbesitzer seit der Wende sei ein Schwabe. Auf der Suche nach billigem Wohnraum hatte das Trio, zwei Studenten und eine Studentin, eine seit langem leerstehende Wohnung entdeckt und war eingezogen. Als Nachbarn Wochen später die Identität des Hausbesitzers verrieten, beriefen die Hausbesetzer sofort eine Krisensitzung ein. Einziger Tagesordnungspunkt: Wie sag ich’s meinem Schwaben?

Nach einer aufwühlenden Diskussion am Küchentisch beschlossen zwei der illegalen Bewohner, Antje und Fred, es dem Eigentümer persönlich mitzuteilen, in der Hoffnung, sein Urteil falle in der direkten Konfrontation milder aus. Zwar waren die beiden bis dahin noch nicht im Westen gewesen, doch eine Landkarte besaßen sie, und so stellten sie sich vor wenigen Wochen an die Autobahn und hielten den Daumen in die Richtung, in der Stuttgart liegt. Die Reise der Hausbesetzer zu ihrem Hausbesitzer begann durchaus glücklich. Im Nu waren sie vom Hermsdorfer Kreuz bis Nürnberg gelangt, wo sie wenig später ein junger Autofahrer aus Stuttgart in seinen Wagen aufnahm. Der Wagenlenker, selbst Schwabe, vernahm ungläubig die Geschichte und prophezeite den Mitfahrern ein böses Erwachen: Hochkant werde sie der Besitzer hinauswerfen, wenn er nicht gar die Polizei einschalte. Weil man so etwas nicht alle Tage erlebt, änderte der Fahrer seine ursprünglichen Pläne und begleitete die Hausbesetzer auf ihrem Canossa-Gang. So waren es denn drei Menschen, die am späten Abend an der schön gelegenen Villa eines Stuttgarter Textilfabrikanten klingelten und sich an der Sprechanlage als "ihre lieben Hausbesetzer aus Jena" vorstellten.

Da der Hausherr auf Geschäftsreise weilte, bat die Gattin den unerwarteten Besuch herein. Hausbesetzer, Hausfrau und Autofahrer berichten übereinstimmend von einem durchaus fröhlichen Verlauf des Abends. Bei dem in aller Eile aufgetragenen Abendessen habe die Gastgeberin immer wieder staunend ausgerufen: "Und sie kommen extra von so weit her, nur um uns das zu sagen!" Anschließend wurde das Gästezimmer hergerichtet und den Besuchern zur großen Freude die Warmwasserdusche erklärt, denn in der besetzten Wohnung in Jena funktionierte weder der Boiler noch die Heizung.

Hier könnte die Geschichte enden und müßte das Bild vom Schwaben neu gemalt werden, hätte nicht der Hausbesitzer nach seiner Rückkehr am anderen Tag wieder den alten Rahmen zurechtgerückt: Er tobte, als er den Grund des Besuches erfuhr, und forderte die Hausbesetzer auf, sein Stuttgarter Domizil zu verlassen. Um derart kriminelle Taten zu besprechen, träfe man sich besser auf neutralem Boden, zum Beispiel im Bahnhofscafé. Dort erläuterte der Textilfabrikant zunächst die Gesetzeslage, wies auf die Strafbarkeit derartiger Handlungen hin und verlangte von seinen Hausbesetzern "Referenzen". Immerhin konnte Antje einen Arzt als Vater vorweisen, "was ja auch etwas" sei, wie sich der Hauseigentümer ausdrückte. Er notierte es in seiner Akte.

Schließlich erklärte er sich dazu bereit, den illegalen Zustand durch einen Mietvertrag zu beenden und wollte sich trotz undichter Fenster und defekter Sanitäreinrichtungen mit 500 Mark zufriedengeben. Das inständige Bitten der beiden um Rabatt, mit dem Hinweis, sie verfügten nur über 400 Mark Bafög im Monat und die Wohnung habe doch ehedem nur 89 Mark Miete gekostet, erweichte das Herz des Schwaben. 300 seien auch in Ordnung, sagte er und zahlte am Ende auch noch den Bahnhofs-Kaffee.