Von Frank Siebert

Als man in Deutschland die Einheit der Nation forderte, war er auf Reisen. Als man in Deutschland die Kunst zur Sklavin der nationalen Idee machen wollte, schrieb er in Paris französische Opern. Als man schließlich in Deutschland den Juden die Staatsbürgerschaft zusprach, wurde er ein Opfer des modernen Antisemitismus.

Im Leben und Werk Giacomo Meyerbeers, der am 5. September 1791 als erstes Kind wohlhabender jüdischer Eltern in Berlin geboren wurde, kreuzen sich die gesellschaftlichen Gegensätze des 19. Jahrhunderts zu einem einzigartigen kulturgeschichtlichen Phänomen, dessen hinreichende Würdigung bis heute ausgeblieben ist.

Den deutschen Musikkritikern war Meyerbeer seit dem Beginn seiner glänzenden Laufbahn als Opernkomponist ein Ärgernis. Statt wie sein Studienfreund Carl Maria von Weber beim Aufbau einer deutschen Nationaloper mitzuhelfen, reiste Meyerbeer nach Italien und ging nach ersten Erfolgen mit Opern italienischen Stils nach Paris, wo er gemeinsam mit dem Dramatiker und Librettisten Eugène Scribe die Gattung der Grand Opera zur Vollendung führte. Während Meyerbeers Opern von 1831 bis zu seinem Tod im Jahre 1864 in den europäischen Metropolen Triumphe feierten und das Publikum in frenetischen Taumel versetzten, begannen in Deutschland wahre Hetzkampagnen, die den Operngott als effektvollen Arrangeur hohler Machwerke denunzierten.

Nachdem Robert Schumann 1837 Meyerbeers Hauptwerk "Die Hugenotten" in Leipzig gehört hatte, schrieb er in seiner Neuen Zeitschrift für Musik – eine Art Parteiorgan für die hehren Ideale deutscher Tonkunst – eine vernichtende Rezension. Er erboste sich besonders über Meyerbeers Verwendung des Luther-Chorals "Ein’ feste Burg ist unser Gott": "Ich bin kein Moralist; aber einen guten Protestanten empört es, sein teuerstes Lied auf den Brettern abgeschrieen zu hören, empört es, das blutigste Drama seiner Religionsgeschichte zu einer Jahrmarktsfarce heruntergezogen zu sehen, Geld und Geschrei damit zu erheben, empört die Oper von der Ouvertüre an mit ihrer lächerlich gemeinen Heiligkeit bis zum Schluß." Mit einer musikalischen Poetik, wie sie Schumann vorschwebte, haben Meyerbeers Werke allerdings nichts zu tun.

Der Ästhetik der Grand Opera lag jegliche Idealisierung fern. Collageartig werden die unterschiedlichsten Elemente zusammengesetzt: Gewaltige Chormassen wechseln mit empfindsamen Soloauftritten, Banales steht neben Entrücktem, schmissige Ballettmusik, kontrastreiche Bildfolgen, stilistische Vielfalt, voller Orchesterklang und solistisch-raffinierte Instrumentation vereinen sich zum musikdramatischen Gesamtkunstwerk Meyerbeerscher Prägung. Schumann hatte mit der "Jahrmarktsfarce" gar nicht so unrecht; aber da er in dieser Art Musik einen Angriff auf sein musikalisches Credo witterte, wußte er sie nicht zu würdigen und mußte sie bekämpfen. Was dem heutigen Rezipienten beim flüchtigen Hören der Opern Meyerbeers wie eine musikalische Rumpelkammer, ein tönendes Museum vorkommen mag, war bis ins kleinste Detail durchdachtes Musiktheater, hinter dem sich eine resignierende Geschichtseinsicht verbirgt.

Historische Ereignisse wie den Hugenottenmord oder die mittelalterliche Wiedertäuferbewegung in der Oper "Der Prophet" verarbeitet Meyerbeer gleichsam zu musikalischen Vexierbildern, thematisiert am eigenen Leibe erfahrene Geschichte in einer ferngerückten Vergangenheit. Die stilistische Vielfalt, die Meyerbeer in Deutschland den Ruf eines Eklektikers und Heuchlers einbrachte, erscheint als Chiffre für die Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Widersprüche: Judenemanzipation und Antisemitismus, Idee des Weltbürgertums und aufkommender Nationalismus, romantisches Weltbild und Ernüchterung des Lebens durch Umstrukturierung der Produktionsverhältnisse brechen sich im Prisma musikdramatischer Metaphern. Mit der ambivalenten und teilweise extrem trivialisierenden Verwendung romantischer Heilssymbole wie Choral und Hymne deckt Meyerbeer schonungslos nationalen und religiösen Massenfanatismus auf und zeigt, wie das Individuum mit seinem Glücksstreben im zerstörerischen Geschichtssog untergeht. Insofern wirken die Opern Meyerbeers wie die Kehrseite deutschromantischer Idealisierungen.