Von Renate Klett

Er ist der schönste Androgyn, die größte Diseuse und die beste Flickenschildt des Landes: Georgette Dee, Sängerin und Schauspielerin, Schwarm und Star der schwulen Subkultur. Wer ihn einmal gehört hat, wird sie nie mehr vergessen, das Gesicht nicht und erst recht nicht die Stimme – eine Mannfrau aus dem wirklichen Leben statt aus den Spießerphantasien der Transi-Klischees.

Denn das ist das Tolle an Georgette: Er ist erst mal und vor allem ein großer Künstler, und ob er nun einen Rock anhat oder eine Hose, hat nichts damit zu tun. Nicht auf Fummel und Gehabe kommt es an, sondern auf Stimme und Stimmung, auf die Traurigkeit und die Sehnsucht, auf die großen Gefühle und die noch größere Angst davor. Darüber weiß sie viel zu sagen und zu singen, mal schrill, mal weise, immer intelligent und mit verquerem Charme. Pathetisch und kitschig ist’s und gleich darauf scharf und zynisch und böse. Sie kann alles, kennt alles, fühlt alles: die Trunkenheit der Lust und den Sarkasmus beim Erwachen, die euphorische Trauer und die Befreiung durchs Lachen, das männliche und das weibliche und das dritte, das vollkommene Geschlecht.

Die "geniale Dilettantin" (Georgette über Dee), die so großstädtisch und berlinerisch wirkt, kommt in Wirklichkeit vom Dorf (und da wohnt sie jetzt auch wieder, wenn sie wohnt – meist tourt sie). Sie verrät ihr Alter: 33, aber nicht ihren wahren Namen. Von Beruf Krankenpfleger, hat sie vor zehn Jahren zu singen begonnen, von Anfang an begleitet von Terry Truck, ihrem wunderbaren Pianisten, Komponisten, Mitspieler, Kontrahenten.

Es begann mit einfachen Liedern und Conferencen, dann kamen kleine Szenen hinzu, Minidramen, die eine Situation bis zu ihrer schlimmstmöglichen Wendung entwickeln: der Liebe. Dann, folgerichtig, das Theater: die Seeräuberjenny aus der "Dreigroschenoper", Graf Charme in Gombrowicz’ "Operette", Wildes "Salome". Und Filme: "Verführung: die grausame Frau" von Monika Treut und Elfi Mikesch, "All of Me" von Bettina Wilhelm.

Ich frage sie nach ihrer Wunschrolle und erwarte so was wie "Die geliebte Stimme" von Cocteau. Statt dessen kommt ganz ernsthaft: Faust und, zögernd, Hamlet. Filmträume gibt es auch: mit Barbara Sukowa ("Wir sehen uns so ähnlich") ein Geschwisterpaar spielen, er als Bruder, und mit Sylvester Groth zusammen den Orpheus-und-Eurydike-Stoff als Männergeschichte. Hat er Vorbilder beim Singen? "Vorbilder nicht, aber Menschen, die ich sehr bewundere: Billie Holiday, Ingrid Caven, Hans Albers und am allermeisten, weil sie die Gewalttätigste ist, Nina Simone."

Sie hat über die Jahre hin einen Gesangsstil entwickelt, der haarscharf die Balance hält zwischen hochdramatisch und ironisch und der ihr erlaubt, bis an die Grenze der Lächerlichkeit zu gehen ohne abzustürzen. Und also flüstert und schreit, gurrt, heult und tobt sie durch ihre Lieder, eine Marlenezarahildejudy, die doch vor allem und immer Georgette ist: die Große Dame aus dem Reihenhaus, bieder und verrucht, traurig, zickig, lüstern und unwiderstehlich.