Vermutlich hätten wir uns um die diesjährige Offenbacher Lederwarenmesse nicht weiter gekümmert, wenn sie uns nicht mit dieser Sensation aus dem Nachurlaubsdämmer gerissen hätte. Daß zwischen Attacheköfferchen, Regenschirmen und Geldbörsen eine Bombe lauert, war nach allem, was in den letzten Jahren aus Offenbach kam, nicht zu erwarten.

Diesmal aber prescht der "Handtaschenbereich" vor, wie Messebesucher eilig melden (worauf der Glossenbereich natürlich gleich reagiert). Und zwar mit der sogenannten Kurzgrifftasche; ja, ganz recht, gemeint ist jene, die stets an Maggie Thatchers eisern angewinkeltem Unterarm zu baumeln pflegte (und sie daran hinderte, im Weißen Haus einen der Welpen von first dog Millie auf den Arm zu nehmen, was zu einer spürbaren Abkühlung zwischen den USA und Großbritannien führte). Unvergessen auch jenes robuste Modell in Schwarz, das von Golda Meir so resolut ums Handgelenk geschleudert wurde, wann immer sie eine internationale Pressekonferenz vorzeitig für beendet erklärte. Und immer wenn Jackie K. oder Gracia M. winkten, grüßte am linken Arm die Kurzgrifftasche.

Nun halten die Designer sie uns wieder unter die Nase, in den show-rooms und Journalen. Kaum größer als ein Doppelbrief, rechteckig aus schwarzem Lack, leuchtendrot mit Clipverschluß, der jeden Fingernagel killt, oder gesteppt mit hartem Bügel, durch den kein Handgelenk paßt.

Sie meinen, es sei doch ganz egal, in welchem Behältnis frau ihre lächerlichen Unentbehrlichkeiten bei sich führe? Sie gähnen und sagen, das mußte ja kommen, nach Schnittkleid, Lidstrich und Toupierfrisur bloß ein weiteres Relikt der sixties, die uns schon seit zwei Jahren verkauft werden? Diese Argumente verraten, daß die emanzipatorische Dimension der H. im postfeministischen Zeitalter bislang noch gar nicht erkannt worden ist.

Eine Inhalts- und Strukturanalyse ist überfällig, also Taschen auf! Großmütter verließen nie das Haus, ohne vorher das Innere der genoppten Büffelledernen auf Vollständigkeit zu überprüfen: Brille Gesangbuch Portemonnaie Ersatzprothese Spitzentüchlein Kölnisch Wasser... In den falschen Kelly-bags unserer Mütter fand sich ein anderes wohlgeordnetes Sammelsurium: Hausschlüssel Autoschlüssel Scheckheft Adreßbuch Aspirin Chanel 5 Lippenstift. Was hervorquillt, wenn wir unsere Umhängetaschen im Kopfkissenformat von der Schulter nehmen und auskippen, ist mitnichten vom Zufall, sondern ganz ungemein ausgewogen von Launen und Zielen bestimmt: Ticket Laptop Filofax Walkman Zeitung/Zeitschrift Kreditkarte Apfel Bürste Pille und zur Not auch Windel und Teefläschchen, falls die süßen Fersenzwicker mit dabei sind.

Schon bei der Erwägung der praktischen Konsequenzen wird klar: Die Kurzgrifftasche greift zu kurz, rein mengenmäßig. Natürlich will uns die Fachwelt einreden, es handele sich doch um ein modisches Accessoire, und da sei die Nützlichkeit ganz zweitrangig. Von wegen. Anders als der Handschuh beispielsweise ist die Tasche doch immer schon das Stiefkind unter den Accessoires gewesen. Was damit zu tun hat, daß sie im Unterschied zu jenem erotisch nicht das Klitzekleinste zu bieten hat, sondern ganz im Gegenteil ihr Dabeisein dem Unerfreulichen und Unerwünschten verdankt: Tränen, laufende Nasen, verschmierte Lippen, Malheurs aller Art. Nichts weiter als ein emergency kit ist das, was wir mit uns führen.

Das heißt... Tasche auf, Tasche zu. Klein und handlich steht sie vor uns, feines Lederaroma steigt in die Nase, gefälteltes Innenfutter mit eingestickten Initialen schimmert, Seidenpapier raschelt. Wie leicht sie ist...