Das schlimme Erbe der SED-Diktatur – kein Anlaß für westliche Selbstgerechtigkeit

Von Robert Leicht

Es gibt keine Zukunft ohne die Vergangenheit. "Unsere Vergangenheit muß uns rücklings einholen, wenn wir sie nicht zurückholen und eigens vor uns bringen", so notierte es, einige Jahre vor der Wende in der DDR, der Ostberliner Theologe Richard Schröder. Wie wenig wir den Abgründen unserer Geschichte entkommen können, hatte uns Westdeutschen bereits der "Historikerstreit" gezeigt, vier Jahrzehnte nach der Nazidiktatur. Wir müßten, so hatte damals Franz Josef Strauß wütend behauptet, endlich aus dem Schatten der Vergangenheit heraustreten. Das eben schien sich dann mit der überraschenden Wiedervereinigung anzubahnen: die Aufhebung der Teilung als Löschung der historischen Hypotheken. Doch es kam ganz anders.

Nun sehen wir uns aufs neue in eine fatale Vergangenheit verstrickt, viel komplizierter als nach 1945, in eine Vergangenheit nämlich, die uns Deutsche zugleich teilt und verbindet. Sie teilt uns noch auf Jahre, weil nur die Ostdeutschen in der kommunistischen Diktatur auf- oder untergingen und nun dafür Rechenschaft ablegen sollen. Die vier Jahrzehnte der SED-Herrschaft verbinden uns aber zugleich – schon deshalb, weil ohne die gemeinsame Vorvergangenheit der verbrecherischen Naziherrschaft weder Teilung noch Besatzung geschehen wären.

Wie also sollen wir umgehen mit der Geschichte der DDR, mit dem schlimmen Erbe der SED-Diktatur, mit dem Übermaß an Unrecht und Niedertracht? Was tun mit den Mauerschützen, den "Blockflöten" in den gewendeten Parteien, den Stasi-Mitarbeitern, den Spionen? Schon die bedrückende Verflechtung von zweierlei deutscher Nachkriegszeit sollte uns vor den gröbsten Vereinfachungen schützen.

Unsere westdeutsche Erfahrung nach 1945 hat uns gelehrt: Eine Diktatur läßt sich weder bequem verdrängen noch korrekt bewältigen. Man muß sie aufarbeiten, auch wenn man an dieser Aufgabe letztlich scheitern wird. Wir können dieser Herausforderung nicht mit dem zynischen Spruch ausweichen, im Osten seien alle irgendwie Täter und Opfer zugleich gewesen. So einfach läßt sich die moralische Pflicht zur sehr wohl möglichen Unterscheidung nicht in einer Art von Kollektivgleichgültigkeit ersticken. Es gibt ja auch weder eine Kollektivschuld noch eine Pauschalentlastung. Oder wie Richard von Weizsäcker es in seiner Rede vom 8. Mai 1985 gesagt hat: "Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich." Zugleich aber gilt: Die Schuld wie die Gerechtigkeit und erst die Rechthaberei eines jeden müssen beurteilt werden auf dem Hintergrund der Verhältnisse, in die er ohne sein Zutun gestellt worden ist.

Gewiß, wer als Flüchtling an der Mauer erschossen wurde, ist Opfer eines verbrecherischen Systems geworden. Aber wer soll dafür bestraft werden – der, der im obersten Kollektiv den Befehl dazu gab, oder der, der als letztes Glied der Kette die verbrecherische Absicht in die blutige Tat umzusetzen hatte? Die Gerechtigkeit auch gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen verlangt, daß alle, die an diesen Mauerschüssen beteiligt waren, vor ihrem Richter erscheinen, zuvörderst freilich, samt seinen Gesellen, Erich Honecker, der seines Asyls in der Sowjetunion wohl bald verlustig gehen wird – und sie fordert zugleich, daß die Urteile dem wahren Gefälle von Macht, Einsichtsfähigkeit und Verantwortung sichtbar Rechnung tragen.