Von Wilfried Kratz

Eigentlich müßte Sir Robin Leigh-Pemberton, Gouverneur der Bank von England, tief beunruhigt sein. Denn seit einem Monat leitet Lordrichter Bingham eine Untersuchung, die seine Karriere abrupt beenden könnte. Es geht um die Rolle der Bank von England bei der Überwachung und Schließung der Bank of Credit and Commerce International (BCCI). Deren Anteilseigner und Sparkunden sind gleichermaßen schlecht auf Pemberton zu sprechen, sie werfen ihm große Versäumnisse vor. Doch trotz der von der Regierung angeordneten Untersuchung ist Sir Robin einstweilen guten Mutes: Lordrichter Bingham wird hinter verschlossenen Türen arbeiten, das kommt Pembertons Wunsch entgegen, nicht allzuviel Licht in eine Angelegenheit zu lassen, in der das Verhalten der Aufsichtsbehörde äußerst umstritten ist.

Die konservative Regierung unter Premierminister John Major hat ähnliche Interessen. Obwohl nicht mit der direkten Bankenaufsicht betraut, hat sie als Weisungsgeber dieser Behörde doch das letzte Wort. Und Regierungsstellen in London waren schon in einem frühen Stadium über Verbindungen der BCCI zu Terroristen und andere schwerwiegenden Verdachtsmomente informiert.

Der Richter soll die Frage prüfen, ob die Bank von England "angemessen und rechtzeitig" gehandelt hat, als sie am 5. Juli die BCCI schloß. Dieses in fast siebzig Ländern tätige Institut betrieb zum Schluß 24 Zweigstellen in Großbritannien und benutzte London als ein wichtiges Zentrum seiner weltweiten und mit Bedacht kompliziert verflochtenen Aktivitäten. Die Bank von England, die in ihrer Abteilung Bankenaufsicht über 250 Mitarbeiter beschäftigt, hatte die Überwachung der seit langem suspekten BCCI koordiniert, die Buchprüfer von Price Waterhouse mit Sonderprüfungen beauftragt und schließlich die dramatische Aktion zum Entzug der Geschäftserlaubis rund um den Globus betrieben.

Bingham soll nun die ganze Geschichte aufrollen und dabei die Argumente abklopfen, die Leigh-Pemberton zu seiner Verteidigung anführt. Erst in den allerletzten Wochen, so die zentrale Aussage des Bankchefs, sei die Bank von England in den Besitz von hieb- und stichfesten Beweisen über "umfangreichen schweren Betrug der durch und durch kriminellen Bank" gelangt, welche die "drastische Aktion" der Schließung rechtfertigten. Doch sowohl die Bank von England als auch die Regierung wußten schon 1988, daß die Terrororganisation des Abu Nidal eine BCCI-Filiale in London zur Finanzierung von Waffengeschäften benutzte und der britische Geheimdienst sich eines Informanten in der BCCI bediente, um den Aktivitäten der Gruppe auf die Spur zu kommen. Spätestens im Frühjahr 1990 hatte die Bank deutliche Hinweise darauf, daß die BCCI über viele Jahre riesige Verluste durch Betrug und Täuschung verschleiert hatte.

Leigh-Pemberton witzelt, der Spitzname der Bank sei doch allgemein bekannt gewesen: Bank of Crooks and Criminals (Schwindler- und Verbrecherbank) in Abwandlung der Initialen der BCCI. Nun muß er Richter Bingham überzeugen, warum die Bank denn so lange an der Vorstellung festhielt, BCCI–Manager seien "tauglich und unbescholten", wie es das Bankgesetz für Personen fordert, die das Bankgeschäft ausüben.

Für den 64jährigen Leigh-Pemberton ist der BCCI-Skandal die schwerste Prüfung in seiner achtjährigen Amtszeit an der Spitze der Old Lady of Threadneedle Street, wie die Notenbank liebevoll genannt wird. Es ist allerdings nicht die erste Krise seiner Karriere. Beim Zusammenbruch der Goldbank Johnson Matthey 1984, die später auf Kosten der Steuerzahler gerettet wurde, warf man der Bank von England und Pemberton persönlich Versagen vor. Aber Leigh-Pemberton kam mit einem blauen Auge davon.