Lothar de Maizières später Weg nach Hause

Von Christoph Dieckmann

Er spreizte sich nicht. Er war kein Populist, hemdsärmelig schon gar nicht. Es gäbe Menschen in Jeans und Menschen im Anzug, sagte Lothar de Maizière und ließ nicht zu, daß man ihn ohne Jackett photographierte. Obwohl verzwängter, erinnerte er an den polnischen Premier Mazowiecki und dessen eindrucksvolle Unlust zu öffentlicher Volksbefriedigung. Nie wäre ihm passiert, was der später in Schmach enttarnte Wolfgang Schnur in Halle tat – sich im Wahlkampf hinzubauen vor die aufgedrehte Masse mit dem Ruf: "Vor Ihnen steht der neue Ministerpräsident!" Wir hatten ja damals die Zeit der Euphorie; das trunkene DDR-Volk eilte von Rausch zu Rausch und zu den nationalen Gottesdiensten, die westliche Polit-Prominenz abhielt auf östlichen Märkten. Der trockene de Maizière war sichtlich unbegabt für solche Genüsse.

Am Wahlabend dann, vor den Fernsehkameras, wirkte er fast erschlagen von den 40,91 Prozent, die auf die CDU entfallen waren. Die Labilität seiner Mehrheit kann ihm nicht entgangen sein, nachdem noch Tage zuvor Prognosen die SPD vorn gesehen hatten. Es war grotesk und befreiend: Von Reportern eingekesselt, von Spotlights abgeforscht, verweigerte de Maizière den Triumph. Gequält reckte der arme Sieger zwei Finger zum V ins Bild. Daß er nun Staatschef sein werde, ließ er sich nicht entlocken. Er wurde es. Seine nachdenkliche Regierungserklärung fand allseits Respekt.

Dann galt er bald als Zauderer. "Wenn eine Frage eine bestimmte gedankliche Entwicklung erfordert, dann will ich wissen, wann ich sie abschließend beantwortet habe, und nicht danach gehen, wann so viel gekommen ist, daß der andere meint, sie sei ihm schon ausreichend beantwortet." Die KoKo-Akte schmorte auf seinem Schreibtisch, die Stasi-Untersuchung betrieb er kaum emsiger als sein Vorgänger Modrow. De Maiziere verfolgte eine Doppelstrategie: Einerseits wollte er einer Selbstzerfleischung der DDR-Bevölkerung wehren, weil die ihre Kräfte sparen sollte für die Kämpfe der Einheit. Andererseits beharrte er auf der selbständigen Erfahrungsgeschichte der Ostdeutschen, ohne zu bedenken, daß diese Geschichte ihrer Aufklärung bedurfte.

Die große Koalition war ein Gebot der Stunde, wenngleich sie jene draußen ließ, die sich im Wende-Herbst 89 das eigentliche Verdienst erworben hatten. In Bonn war de Maizière von Anbeginn nicht beliebt. Der kleine Mann, der doch nur den Osten reif zur Übergabe machen sollte, trat auf wie der Chef eines intakten Staatswesens. Er wollte Geld, bot Pedanterie und Becher-Hymne statt Deutschlandlied und sprach von "Einheit in Souveränität". Die DDR-Menschen sollten mit Stolz und Würde überwechseln können ins größere Deutschland. Besonders muß es Helmut Kohl befremdet und geärgert haben, daß de Maiziere, der in der Ost-CDU kein Parteiamt innehatte, sich behutsam auf die Seite alter Blockparteiler schlug. Ungebrauchte DDR-Bürger gäbe es nicht, sagte er und sprach von der Teilung, die durch Teilen überwunden werden müsse. Das legte man ihm als Dirigismus aus und als Zweifel am segensreichen Selbstlauf der Marktwirtschaft.

Souveränität besaß die Regierung de Maiziere nur bis zum 1. Juli 1990; danach trat sie ihre Hoheit ab an die Bundesbank. Außenpolitisch waren die Dinge gelaufen, als Bonn und Moskau miteinander einig wurden. Die DDR verlor die Mittlerrolle, die Außenminister Meckel ihr noch zugedacht hatte. Auch die 2 + 4-Verhandlungen kamen überraschend schnell ans Ziel. Sie hätten alle gern noch ein hübsches Eckchen weiterregiert, die Regierten von gestern. De Maizière gab sich zunächst der Hoffnung hin, durch langes Verhandeln mit Bonn möglichst viel für Deutschlands künftigen Osten herauszuholen. Der freie Fall der DDR-Wirtschaft nach dem 1. Juli verhinderte das. Einheit und Wahl rückten vor; de Maizière hätte die umgekehrte Reihenfolge bevorzugt. Immerhin erreichte er, daß bei der Bundestagswahl für die DDR eine eigene Fünfprozentklausel galt. Das brachte PDS und Bündnis 90 ins Parlament, die im Westen keine Nährmütter hatten.