Von Wilhelm Pauli

Fällt im Kreise debattierender Leser der Name Adolf Endler, folgt regelmäßig Schweigen. Obwohl – erst zögerlich, dann mit Nachdruck – die Literaturkritik seine Verse und den verknarzten selbstironischen Humor, den höheren Blödsinn seiner collagierten Prosa lobte, ist er immer noch zu entdecken. Texte, die mit dem Entsetzen Scherz treiben, zeitkritische Satiren, die die Position des kritischen Poseurs miteinschließen, haben es nicht leicht in Deutschland.

Adolf Endler, 1930 in Düsseldorf geboren, gehört zu jenen Autoren, die in den fünfziger Jahren der Bundesrepublik den Rücken kehrten und im anderen Deutschland die Konsequenzen, die sie persönlich aus der faschistischen Herrschaft gezogen hatten, eher zu staatlicher Konsequenz gebracht sahen. KPD-Verbot, Wiederbewaffnung waren auslösende Ereignisse. Endler hatte für die Weltjugendfestspiele geworben und war wegen Staatsgefährdung unter Anklage gestellt worden. Daß es Gründe gab, sich gegen die Bundesrepublik zu entscheiden, ist ein Stück Geschichte, das in Vereinigungsrausch und Katzenjammer weggebürstet wird. Endlers Sarkasmus zeichnet sich durch das masochistische Behagen aus, das einer empfinden kann, der erkennen muß, aus dem Regen in die Traufe geraten zu sein. Seinen Schmähungen hängt immer auch ein ungläubiges kopfschüttelndes "Wir" an. Und so kommt seine Abrechnung mit der Wirklichkeit im sozialistischen Deutschland unideologisch und keinesfalls beckmesserisch daher.

Im vergangenen Jahr erschien die bisher letzte größere Prosaarbeit Endlers, "Vorbildlich schleimlösend". Noch einmal schüttete er seinen Zettelkasten aus, noch einmal das Verwirrspiel und die Vexierbilder aus fiktiven, im Entstehen begriffenen Monumentalwerken, unauffindbaren Manuskripten, erfundenen und doch so wirklichen Helden, mäßig getarnten oder gänzlich enttarnten Persönlichkeiten. Ein Spiel mit Dokumenten, Zitaten, DDR-Regelwerk und die Verarbeitung all der Schnipsel mit den Kommentaren Ostberliner Schnauzen zu Deutschen Demokratischen Dokumenten.

Das Gefühl von unwiederbringlichem Verlust stellt sich ein, wenn wir die Hommage für die Tänzerin Bruni Humperdinck lesen, deren Tanz, als "sozialistisch im Inhalt und national in der Form" gepriesen, sich ebenso aus unserer Welt gedreht hat, wie wir fürchten müssen, daß das Parfüm "Optimist", trotz seines "Edelleichen-Geruchs", kein ausreichend großes Marktsegment erobern konnte.

Überraschendes Ergebnis der Endlerschen Blütenlese ist jedoch, daß vieles, ja das allermeiste an individuellem wie gesamtgesellschaftlichem Dadaismus auch diesseits der ehemaligen Demarkationslinie prächtig gedeiht. "Vorbildlich schleimlösend", die titelspendende Notiz beginnt so: "Smogalarm in Westberlin!, und das schon den zweiten Tag! – Aber soll das Giftgewölk einer anderen Welt uns auch noch die schöpferische Laune verderben? Die durchgehende Alarmlosigkeit in Sachen Smog, durch welche sich unsere Hauptstadt vorteilhaft unterscheidet vom drübigen Berlin-Bruchstück, vom Berlin des Senats, darf uns, was wenigstens diesen Punkt betrifft, beruhigt einschlafen lassen ... Am KuDamm fallen sie um wie die Fliegen! – Wen juckt das, Madame?" – und später dann: "Oh dieser ulkig verstockte, für die Jahreszeit viel zu kleister-ähnliche Dunst, wie er dicklich, wenn auch vorbildlich schleimlösend, besonders in der Lychener Straße ... schwärte ..." Just in den Tagen, da Endlers Buch erschien, verkündete die Geschäftsführerin eines mittelständischen baden-württembergischen Chemiebetriebs im Rundfunk, daß der Salmiakbrodem, durch den sich die Nachbarschaft belästigt und gefährdet sah, seit Generationen für freie Nasen und Schnupfenlinderung, ja -prävention gesorgt habe. Auch was in den Verbänden der Bundesrepublik, seien es die der Kleintierzüchter, seien es die der Literaten, herumrumort, unterscheidet sich in der Tiefenstruktur kaum vom Treiben in der ehemaligen DDR. Der deutsche Mensch ist überall deutsch. Der Unterschied liegt in der "Fallhöhe" des Witzes, ins Surreale gesteigert durch den Versuch der Konkursverwalter, die DDR-Wirklichkeit mittels verbindlicher Sprachregelung in den Griff zu bekommen.

Wie sich die Menschen in diesem immer groteskeren Theater bewegen, wie sie auf den Unfug antworten, wie sie sich durchwursteln, die Taschen voll lügen, störrisch unter dem Heiligenschein des Sozialismus und seine Forschrittsparolen den alten unabänderlichen Schlawiner behaupten – das enthüllt die Schnittechnik der Endlerschen Prosa, durchaus mit Zuneigung für den Überlebenskünster, mit Galle für die Verursacher und Schönredner der Misere. Und das schafft Sympathien, Stimmungen von geradezu heimatmuseumsartiger Kostbar- und Behaglichkeit.