Von Ulrich Greiner

Ein starker Titel, das schon. Fast so gut wie "Hitlers Hund" oder "Stalins Stiefel". Gerade jetzt, da überall die Lenin-Leiber und Lenin-Köpfe von den Sockeln stürzen, ist ein Roman mit dem Titel "Lenins Hirn" bestens plaziert.

Lenins Hirn kommt allerdings erst gegen Ende ins Spiel. Zu diesem Zeitpunkt ist der Dr. Oskar Vogt, den wir offenbar als Hauptfigur des Romans betrachten sollen, schon eine Berühmtheit aus Deutschland. Er wird nach Moskau gebeten, um das Hirn des Mannes zu sezieren, der Millionen bewegt hat und dessen Genialität außer Frage zu stehen scheint. Der sozusagen materialistische Nachweis von Genialität ist langjähriger Forschungsgegenstand von Dr. Vogt. Lenins Hirn, das er in 30 000 Sektionen zerlegt, ist der Gipfel eines ganzen Gebirges aus Hunde-Hirnen und Delinquenten-Hirnen. Dieses Gipfel-Hirn ist total verkalkt und Vogts Projekt gescheitert.

Spengler demonstriert den Aberwitz einer herrschsüchtigen Medizin, die mit Hilfe des Messers die Schöpfung in ihren Dienst zwingen will. Der medizinhistorische Fall ist ein Stück deutscher Geistesgeschichte. Der real existiert habende Dr. Vogt ist nur ein Exempel dafür, wie sich die Wissenschaft einer expansiven Machtpolitik verschreibt und in den bizarren Pointen der Geschichte verrennt. Diesen Pointen ist Spengler mit großer Ausdauer auf der Spur. Vogt hängt sein wissenschaftliches Fähnlein in den Wind der politischen Kräfte, weil er nur ein Ziel kennt: Schnitt für Schnitt der Natur ihr Geheimnis abzuringen.

Der Roman beruht auf recherchiertem Material. Die Personen und die Vorgänge sind offenbar weitgehend authentisch. Das Problem bei dieser Art von dokumentarischer Literatur besteht darin, daß unser Interesse nicht bloß durch das Thema, sondern auch durch die Art seiner Darstellung befriedigt werden muß. Die Geschichte, die "Lenins Hirn" erzählt, mag aufschlußreich sein, aber es ist kein Roman daraus geworden.

Spengler muß, um den Gang der Ereignisse in den Griff zu kriegen, sehr oft die Form des reportierenden Gesprächs wählen. Diejenigen, die da sprechen, erzählen nicht einander etwas, sondern sie berichten es dem Leser. Damit der sich nicht langweilt, greift Spengler zu Mitteln, die konventionellste Konversationsromane verwenden. Beispiele: ",Gewaltig daneben ging auch der Hypnoseversuch des berühmten Hansen’, erzählte Vogt und köpfte vergnügt mit dem Wanderstock eine einsame Distel." Oder: "... erzählte Amanda von Alvensleben und löste ihre Hutnadel." Oder: "... sagte er, nachdem er sich respektvoll mit der Serviette die Lippen abgetupft hatte."

Betrachten wir ein längeres Gespräch zwischen Frau Cécile Vogt und Amanda von Alvensleben, einer Freundin der Familie. Der Dialog hat offenbar die Absicht, den Leser, der schon einige Kapitel nichts mehr von Amanda gehört hat und deren Schicksal ihm ziemlich gleichgültig ist, auf den neuesten Stand zu bringen. "Die beiden Frauen saßen in hohen Sesseln vor dem geöffneten Fenster..." So beginnt die Szene. Das Gespräch wird durch folgende Sätze belebt: "... sagte sie mit einem kleinen Seufzer, nachdem sie wieder Platz genommen hatte. ... erwiderte Amanda nach einer längeren Pause. (...) Amanda stach vergnügt mit einer Gabel in ihren Pfirsich. (...) Ein Ligusterschwärmer flatterte zielstrebig durchs Fenster und verschwand im Malvenstrauß auf der Anrichte. (...) Sie rückte ihren Sessel näher ans Fenster und zündete sich eine Zigarette an. (...) Amanda drückte ihre Zigarette aus. (...) Amanda blickte dem Ligusterschwärmer nach, der sich in die Dunkelheit davongemacht hatte. (...) Cecile trat ans Fenster und zog die schweren Vorhänge zusammen. (...) Amanda zündete sich eine neue Zigarette an."