Von Kai A. Struthoff

Das Herz Bad Reichenhalls schlägt alle siebzehn Sekunden mit einem hellen Glockenton. Siebzehn Sekunden – so lange dauert eine Umdrehung der beiden dreizehn Meter hohen Wasserräder, die aus den Tiefen des Lattengebirges eine bis zu 25prozentige Salzsole zutage fördern. Nach jeder Umdrehung der 140 Jahre alten Speichenräder ertönt ein Glockenschlag. Er zeigt dem Maschinisten an, daß die Pumpen das Lebenselixier des Ortes gleichmäßig fördern.

Bad Reichenhall ist auf Salz gebaut. Eine Besichtigung der Saline beginnt mit dem Anlegen eines grauen Kapuzenumhangs, der die Besucher vor der unaufhörlich tropfenden Salzlauge im Stollenlabyrinth unter der Stadt schützen soll.

Salz spielte schon immer die zentrale Rolle in Bad Reichenhall, so erfahren wir, als wir hinter der Salinenführerin Frau Neumair die 72 Marmorstufen hinab in das Zwielicht des Grabenbachstollens steigen. Es ist kühl hier unten. Konstante zehn Grad mißt die erstaunlich frische Luft. An der Stollendecke wächst vereinzelt Moos, einige wenige Stalaktiten und Stalagmiten wachsen von Decke und Boden.

"Hai ist das keltische Wort für Salz", erklärt Frau Neumair mit rollendem Bajuwaren-R. Reichenhall heißt folglich "reich an Salz". Bereits 400 Jahre vor Christus gewannen die Kelten hier Salz. Auf einfachen Lehmherden ließen sie die zutage tretende Sickersole in großen Becken verdunsten. Später wußten die Römer den Besitz der Salzquellen zu schätzen, die sie 500 Jahre lang kontrollierten.

Salz bedeutete Reichtum, daher auch die Bezeichnung weißes Gold. Um diesen Schatz tief in der Erde stritten die Bayern mit den benachbarten Salzburgern fast 600 Jahre lang. 682 hatte Herzog Theodor dem Bischof Rupertus von Salzburg reiche Anteile an den Salzgewinnen geschenkt. Erst im 13. Jahrhundert konnten sich die Bayern ihr weißes Gold zurückholen. Aus jener Zeit stammt auch die Burg Gruttenstein, ein trutziges Gemäuer, das hoch über der Saline thronend Wehrhaftigkeit demonstriert.

Die Informationen über die wechselvolle Geschichte des Ortes, der eine Autostunde südöstlich von München liegt, seit 1846 Heilbad ist und sich seit 1899 sogar stolz Bayerisches Staatsbad nennen darf, sprudeln aus der Fremdenführerin wie die Sole aus den bis zu fünfzehn Meter tiefen Quellen. Daß sie im kühlen Untergrund trotz des Redemarathons nicht die Stimme verliert, hat seinenGrund: "I schleck ganz gern amal an der Sole", verrät Frau Neumair.