Zum Kolumbus-Jahr 1992 richtet Spanien in der andalusischen Hauptstadt Sevilla die Expo aus

Von Rosemarie Noack

Das Kloster von Cartuja, ein von hohen Mauern umgebenes, harmonisch proportioniertes Ensemble in den warmen Gelbtönen der andalusischen Erde, erweckt den Eindruck, als fühle es sich von dem neuen Nachbarn eingeschüchtert und an den Rand seines angestammten Areals gedrängt. Denn gleich daneben, auf der größten Baustelle Spaniens, wo vor kurzem noch die bizarren Skelette stählerner Stützverstrebungen gegen den Himmel standen, nehmen die Pavillons für die Expo ’92 derzeit feste Gestalt an. Mitunter mutieren sie von einem auf den anderen Tag zu den seltsamsten architektonischen Gebilden.

Zeitpunkt und Standort für die Weltausstellung in Sevilla haben die Spanier gut gewählt. Denn 1992 ist es 500 Jahre her, daß Christoph Kolumbus einen neuen Seeweg nach Indien suchte und dabei Amerika entdeckte. Zuvor hatte er lange Zeit bei den Mönchen von Cartuja zugebracht, um bei ihnen die Kunst der Navigation zu studieren. In Sevilla fand er schließlich die letzte Ruhestätte. Hier steht auch das Archivo General de Indias, mit den Originaldokumenten aus der Zeit des Kolumbus und der Konquistadoren.

Die Insel Cartuja, über deren gesamte bis dahin unbebaute Fläche von 215 Hektar sich das Ausstellungsgelände ausdehnen wird, existiert kaum zwanzig Jahre. Sie entstand erst, als es mit Hilfe eines Kanals gelang, das bis dahin häufig überschwemmte und daher nutzlose Gebiet zu entwässern. Auf dieser baumlosen Brache gab es kein anderes Gebäude als das im 15. Jahrhundert erbaute und lange als Keramikfabrik mißbrauchte Kartäuserkloster Santa Maria de la Cuevas.

Eine Autobahn nach Madrid

Für mehr als hundert Millionen Mark wird der Sakralbau derzeit wieder in den alten Zustand versetzt. Fünf der hohen konischen Brennöfen bleiben stehen, denn auch sie gehören inzwischen zum Bild von Cartuja. Hier, auf geschichtlich bedeutsamem Boden, will der spanische König während der Weltausstellung seine Ehrengäste empfangen.