Von Elisabeth Wehrmann

Als Ludwig Marcuse 1939 die letzte Station seines Exils in Los Angeles erreichte, erschien ihm die Stadt zwischen Wüste und Ozean als "eine über die Erde sich ausbreitende Formlosigkeit". Es war nicht die Aussicht auf ein paar lausige Dollar von Hollywoods Filmindustrie, die ihn festhielt. Er blieb, weil Max Reinhardt, Leopold Jeßner und Bruno Frank schon dawaren, weil Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Franz Werfel, Bert Brecht und viele andere dazukamen. "Ich dachte kaum daran, daß es hier auch Amerikaner gab", schrieb Marcuse, "hier saß ich mitten in der Weimarer Republik." In Los Angeles schrieb Thomas Mann den "Doktor Faustus", Döblin vollendete die Trilogie "November 18", Horkheimer und Adorno arbeiteten zusammen an der "Dialektik der Aufklärung", Jeßner inszenierte den "Wilhelm Tell" in Hollywood, und Brecht probte mit Charles Laughton die Uraufführung des "Galileo". Die deutschen, österreichischen und tschechischen Schriftsteller, Philosophen, Komponisten und Regisseure, die zwischen 1940 und 1950 das "Weimar an der Westküste" schufen, blieben unter sich. Man richtete sich ein, traf sich zu Leseabenden in Feuchtwangers Villa auf den Hügeln von Pacific Palisades, nahm literarische Fehden wieder auf und dachte an Deutschland.

In jenen Tagen mochte wohl Thomas Mann im weißen Leinenanzug über den Westwood Boulevard spazieren, Feuchtwanger in den Buchläden von Hollywood stöbern und Helene Weigel auf der Suche nach alten Möbeln bis zum jüdischen Fairfax-Viertel vordringen – die vielfältige Wirklichkeit von Los Angeles war kein Thema für das deutsche Exil. Und das deutsche Exil wurde, wie der Germanist Erhard Bahr schreibt, "kein integraler Bestandteil der kalifornischen Kultur". Allein Bertolt Brecht wagte die Konfrontation mit der Stadt, "die nach den Engeln genannt" ist, blickte durch die Kulissen und fand eine Wahrheit, die noch heute zutrifft: "Das Dorf Hollywood ist entworfen nach den Vorstellungen / Die man hierorts vom Himmel hat. Hierorts / Hat man ausgerechnet, daß Gott / Himmel und Hölle benötigend, nicht zwei / Etablissements zu entwerfen brauchte, sondern / Nur ein einziges, nämlich den Himmel. Dieser / Dient für die Unbemittelten, Erfolglosen / Als Hölle."

Als im Oktober 1987 Marta Feuchtwanger, die letzte Repräsentantin dieser Zeit, starb, war das deutsche Exil in Kalifornien nur mehr ein akademisches Thema. Insofern regte sich auch niemand auf, als die Universität von Südkalifornien, die Feuchtwangers prächtiges Haus, die Villa Aurora, und die wertvolle Bibliothek geerbt hatte, bekanntgab, sie wolle die Bücher gern behalten, das Haus aber verkaufen. Es waren der Direktor des Goethe-Instituts von Los Angeles und seine Frau, die gegen anfängliches Desinteresse deutscher Diplomaten und gegen den Widerstand der Universität den schon beschlossenen Verkauf der Villa noch einmal zur Diskussion stellten. "Die Villa Aurora ist das letzte authentische Monument des deutschen Exils in Amerika", erklärte der Direktor des Goethe-Instituts, Dinkelmeyer. "Es sollte nicht als Museum, sondern als lebendige Stätte der Forschung und der Begegnung erhalten bleiben, als Ort der Erinnerung für die deutsche Nachkriegsgeneration ... als ein Ort des Dialogs mit der Stadt und ihrer multikulturellen Bevölkerung."

Die Idee leuchtete dem deutschen Botschafter in den USA, Dr. Jürgen Ruhfus, ein. Er kam im Dezember 1987 zur Trauerfeier für Marta Feuchtwanger nach Kalifornien und konnte im Gespräcn mit dem Kanzler der kalifornischen Universität der Bundesrepublik das Vorkaufsrecht für die Villa sichern. In Deutschland setzte sich eine Gruppe von Publizisten, Verlegern und Politikern für den Erhalt des Feuchtwanger-Hauses ein. Unter dem Vorsitz von Lothar Poll von der Pressestiftung Tagesspiegel bildete sich der Kreis der Freunde und Förderer der Villa Aurora. 1989 konnte der Kreis mit Unterstützung der Berliner Lotto-Stiftung die Verhandlungen zum Kauf des Hauses führen. Mit der Universität von Südkalifornien wurde ein Dauerleihvertrag unterzeichnet, so daß ein großer Teil der rund 30 000 Bücher starken Bibliothek dem Hause erhalten bleibt.

1989 wurde in Berlin das "California Institute for European-American Relations" gegründet. Der umständliche und leicht irreführende Name steht für das deutsche Institut mit europäischen Interessen, das nun offiziell seinen Sitz in Kalifornien, in der Villa Aurora hat. Im Programm des Instituts, das in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftskolleg zu Berlin entstand, gibt es drei Schwerpunkte: Erinnerung an und Erforschung von Exil und Emigration; Förderung von Künstlern und Wissenschaftlern (darunter "exiled writers in residence"), die in der Villa für eine bestimmte Zeit leben und arbeiten sollen; und die "Villa Aurora Lecture", eine öffentliche Veranstaltung, zu der einmal im Jahr "ein bedeutender Politiker, Künstler oder Wissenschaftler eingeladen wird, dessen Lebenswerk den Zielsetzungen des Instituts nahesteht". Das Auswärtige Amt stellt einen jährlichen Beitrag von 500 000 Mark, für die Programmgestaltung bereit.

Soweit klingt alles recht gut. Was dem Institut allerdings fehlt, ist ein Bezug zu der Stadt, in der es leben will, ein Bezug zu ihren Bürgern, mit denen es kooperieren soll. Wenn das Institut mehr sein will als ein Berlin an der Westküste – müßte dann nicht jene Isolation des Weimarer Exils vermieden werden? 1990 wurde Dan Hamilton zum vorläufigen Direktor der Villa Aurora bestellt. Der amerikanische Wissenschaftler kam vom Aspen Institut, Berlin, arbeitete bei der Carnegie Foundation in Washington und flog einmal im Monat nach Los Angeles, um Goodwill für das deutsche Projekt zu wecken. Eine Aufgabe, die so nebenbei kaum zu lösen ist. Ein Freundeskreis der Villa Aurora in Los Angeles wurde zwar gegründet, hat aber weder Mitglieder noch irgendein Entree in das kulturelle Netzwerk der Stadt gefunden.