Wenn Alexander Schalck-Golodkowski nicht doch noch das Weite sucht, wie die Bundestagsabgeordnete Ingrid Köppe vom Bündnis 90/Grüne befürchtet, wird Bundeskanzler Helmut Kohl noch häufiger in Wut geraten – so wie vergangene Woche im Bundestag, als Ingrid Köppe den geballten Unmut des Regierungschefs zu spüren bekam. Im Zusammenhang mit dem Milliardenkredit, den die DDR dank der Vermittlung von Franz Josef Strauß 1983 erhielt, stellte die Ostdeutsche die Frage: "Haben Strauß und andere westdeutsche Politiker Provisionen beziehungsweise Schmiergelder erhalten?" – "Das ist ja unglaublich! Wirklich unglaublich", kommentierte Helmut Kohl von der Regierungsbank diese Frage und befand: "Eine derartige Verleumdung ist das."

Allerdings gab es konkreten Anlaß für die Frage, und zwar in Schalcks Notizen über seine Gespräche mit dem Rosenheimer Unternehmer Josef März und dem mit März eng befreundeten Strauß. Im Zusammenhang mit den über März und Strauß gelaufenen Kreditverhandlungen hatte Schalck notiert, daß Unternehmer März ihn gedrängt habe, seine Firma müsse als Haupthandelspartner der DDR für Fleischwaren "auch weiterhin unangetastet" bleiben: "Diese Verhaltensweise der DDR-Seite würde völlig ausreichen, um seine (also März’) und die Interessen seiner Freunde politisch zu befriedigen." Daraus lassen sich noch keine Provisionszahlungen ableiten. Aber welche Interessen sind denn gemeint?

Der Umstand, daß Strauß sich bei Schalck um DDR-Aufträge für bayerische Firmen, 1984 etwa für die Badische Maschinenfabrik Durlach (BMD), einsetzte und Schalck prompt seinen Außenhandelsgenossen Gerhard Beil bat "den Lieferantenbescheid zugunsten der BMD zu treffen", ist nicht ungewöhnlich. Franz Josef Strauß hat sich für viele bayerische Unternehmen eingesetzt, und manche haben sich mit Spenden bedankt.

Bemerkenswerter ist eine Notiz des Devisenbeschaffers Schalck vom 14. Februar 1989. Bei einem Treffen zwischen Schalck und den Strauß-Nachfolgern Theo Waigel (CSU-Vorsitzender) und Max Streibl (Ministerpräsident) sollen beide darauf bestanden haben, alle weiteren Kontakte zu ihnen nicht mehr über März abzuwickeln. Schalck schrieb dazu: "Auf meine Frage, ob sich die Verbindung nicht bewährt habe, erklärten beide, daß die Verknüpfung der Freundschaft Strauß und März nicht immer glücklich war und die CSU aufgrund auch finanzieller Verknüpfungen oft in eine schwierige Situation brachte."

Stutzig macht auch, was Waigel und Streibl ihrem Ostberliner Gesprächspartner weiter berichteten: "Die Interessen von Josef März u. a. in Togo, Spanien und Argentinien wurden von Strauß abgedeckt und dienten nicht nur staatlichen Interessen." Wem aber dann?

Unglaubliches ist täglich neu über die Rolle des Bundesnachrichtendienstes (BND) zu hören. Der Abgeordneten Köppe liegt ein BND-Vermerk für Kanzleramtschef Rudolf Seiters vor, in dem es heißt, man könne bestimmte BND-Unterlagen ruhig der Berliner Staatsanwaltschaft für deren Schalck-Ermittlungen zur Verfügung stellen, da nicht die Gefahr bestehe, daß es aufgrund dieser Papiere zu einer Anklage gegen Schalck wegen dessen Agententätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit kommen könne.

Das sind schon seltsame Praktiken staatlicher Instanzen und Anlässe für Fragen. Um so gespannter darf man auf Schalcks ersten Auftritt vor dem Untersuchungsausschuß des Bundestages sein, wenn er denn stattfindet. Beim Bündnis 90/Grüne will man nämlich wissen, daß der BND mit Schalck bereits mehrfach Fluchtpläne erörtert habe. Doch der Devisenbeschaffer will erscheinen, wie er in einer Talk-Show von Sat 1 gerade erst großspurig beteuert hat. Schalck: "Ich habe diesen Ausschuß gewollt. Ich werde über mich reden, über meine Pflichten, über meine Rechte, meine Verantwortungen, meine Fehler sprechen."