Wie heißt der Veranstalter? "Börsenverein des Deutschen Buchhandels". Plötzlich enthüllt sich sein wahrer Charakter: Die Börse muß stimmen. Buch und Literatur und also auch Moral? Darauf pfeifen die deutschen Verleger und Buchhändler, wenn sie aus der Frankfurter Paulskirche schreiten, wo sie ihr Gewissen beruhigt haben, indem sie einer berühmten Frau oder einem berühmten Mann den Scheck in die Hand gedrückt haben, den ihr Verein als "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" vergibt.

Ja, seltsame Friedensfreunde sind das. Obwohl der Mordbefehl der Ajatollahs gegen den Schriftsteller Salman Rushdie noch immer nicht aufgehoben, obwohl erst vor wenigen Wochen Rushdies japanischer Übersetzer Hitoshi Igarashi erstochen worden ist, öffnet unser Verein iranischen Verlagen die Tür zur Frankfurter Buchmesse.

Verflogen im Wind der Geschäfte die markigen Worte des Direktors der Messe. Vor zwei Jahren noch hatte Peter Weidhaas "mit Festigkeit" erklärt, Iran bleibe von der Internationalen Messe des Geistes ausgeschlossen, "solange diese Morddrohung nicht aus der Welt ist".

Wenn der Wirtschaftsminister Möllemann vor dem Mord- und Folterregime im Iran seinen Diener macht, ist das schlimm genug. Von deutschen Verlegern hätte man eine andere Haltung erwartet. Natürlich müssen Verleger von Büchern nicht nur in denselben, sondern auch Bilanzen lesen können. Natürlich müssen sie Geschäfte machen – auch mit einem Staat, der zum Mord gegen Schriftsteller aufruft?

Wie schnell haben unsere Verleger die Lehren der letzten Monate vergessen. Hat nicht der wirtschaftliche, sportliche, kulturelle Boykott des Rassenwahn-Systems Südafrika gezeigt, daß ökonomische und moralische Ächtung solcher Regime politische Wirkung haben kann? Wenn die weiße Regierung de Klerk mit der schwarzen Oppositions-Macht des ANC um Mandela zu verhandeln bereit ist, dann doch wohl auch, weil selbst ein reiches Land nicht mit der Verachtung der übrigen Welt (über)leben kann. Aber internationaler Druck, gerade in Form des Boykotts, ist kein Ding der Tagespolitik – es braucht eine Standfestigkeit, die dem Börsenverein abgeht.

Deshalb Schande über eine Buchmesse, die den massiv von der Ermordung bedrohten Schriftsteller auf diese Weise geradezu verrät. Salman Rushdie selber hat sich mehr als gedemütigt: Er hat Erklärungen abgegeben, hat um Vergebung gebeten, hat die Rückkehr zum Islam verkündet (den er doch nie verraten hat!). Und die Antwort der islamischen Obrigkeit des Iran, die sich anmaßt, ein Menschlichkeit und Vergebung predigendes Buch wie den Koran auszulegen: Sie erhöht den Kopfpreis auf einen Schriftsteller, einen Dichter, auf fast fünf Millionen Mark ...

Wenn unsere Kultur der (behaupteten) Humanität noch irgendeinen Sinn haben kann, dann den: Terrorsystemen wie dem im Iran herrschenden entgegenzutreten. Jede Kumpanei, auch die des vermeintlichen "Kultur"-Austausches, sollte verweigert werden mit einem Staat, dessen Morddrohung sich ja nicht nur gegen Rushdie richtet, sondern gegen alle, die seinen Roman "Satanische Verse" verbreiten – also auch gegen deutsche Übersetzer und (im Börsenverein organisierte!) Verleger.