Ein Museum ganz neuen Typs ist da entstanden, einmalig in Europa, heißt es. Ein Museum der Sammler und nicht der Kunsthistoriker, ein Museum zum Wohlfühlen und ein Ort, an dem von der Kunst Verschreckte wieder versöhnt werden sollen. Nicht eine der Groß- und Kunsthauptstädte, sondern das rote Bremen rühmt sich mit dieser Tat.

Weserburg wird das neue Museum genannt. Die Stadt stellt die Gebäude zur Verfügung, vier Speicherhäuser einer ehemaligen Kaffeerösterei auf der Teerhofhalbinsel, im Krieg waren sie zerstört, später wieder aufgebaut worden. Für knapp zehn Millionen Mark, einen vergleichsweise preiswerten Einstand, hat der Bremer Architekt Wolfram Dahms die Industrieräume zum Museum umgewandelt. Sparsam haushaltend nutzte er jeden Winkel bis unter den Dachgiebel aus, behielt die Speicherstrukturen bei, änderte wenig. Nur das "Loch" kam neu hinzu, ein in allen vier Stockwerken an gleicher Stelle liegender Umgang, Blickachse von einem Kunstgeschoß zum anderen und zugleich Transportschacht.

Als Direktor war schon vorher der ehemalige Leiter des Westfälischen Kunstvereins in Münster und der Erfinder des Konzepts vom Sammlermuseum, Thomas Deecke, gewonnen worden. Eine Stiftung wurde gegründet. Sammler, große und kleine, berühmte und bescheidene, aus Basel, München, Berlin, Hamburg, Bremen und Oberkassel gaben Kunstwerke. Am letzten Wochenende wurde das mit vielen Vorschußlorbeeren bedachte Unternehmen eröffnet.

Weiß ist die Farbe der Unschuld. In Weiß sind alle Räume der Weserburg getaucht. Ecken, schmale Durchgänge, verkantete Räume, Träger, alles ist weiß. Kaum kann man sich an die Farbe des Fußbodens erinnern, so weiß ist alles, ein strahlend demokratischer, die Werke der Kunst mit Gleichmut aufnehmender Hintergrund. Und so soll es auch sein.

Zusammenfügen, nicht Solospielen ist das Motto in der Weserburg. Eine zum großen Ganzen vereinte Schau hat Thomas Deecke in die labyrinthische Architektur der Speicherhäuser eingefügt. Ganz ohne Führungslinie, wie er sagt, im bewußten Gegensatz zum kunsthistorischen Auffädeln in herkömmlichen Museen. Er wünscht "interesseloses Wohlbefinden" bei seinen Besuchern zu wecken, will Schaden gutmachen, "die Barrieren zwischen einem verunsicherten, vielleicht sogar verschreckten Publikum und den Kunstwerken Steinchen für Steinchen abtragen". Also sucht der Besucher vergebens nach den erwarteten Merkmalen, nach Grenzen oder Grenzmarkierung von einer Sammlung zur anderen. Nein, im Museum der Sammler erkennt der unbelastete Gast keine Einzelprofile. Zwar hatte Deecke versprochen, keine Mogelpackung einzurichten, das persönliche Engagement der Leihgeber bei allem Trachten nach Einheit deutlich zu machen. Doch wer will verlangen, daß der unbelastete Besucher weiß, wie intensiv Hartmut Ackermeier Baselitz sammelte, Hans Grothe den noch jungen Polke, den unberühmten Beuys, Klaus Lafrenz Konzept-Kunst und Farbfeld-Malerei. Wer nach Sammlern sucht, nach einer Lust zum Querdenken, wer Verschwiegenes, Überraschendes sucht, wird enttäuscht werden. Hier hängt und steht Prominenz, von Yves Klein bis Boltanski, von Beuys bis Baselitz, von Kienholz bis Richard Serra ein etablierter Querschnitt durch die Kunst der letzten dreißig Jahre, ausgesucht mit den Augen des Zeitgenossen der Neunziger.

Lassen wir uns nicht abschütteln, beharren wir darauf zu wissen, von wem was ist, so sollen uns Tafeln helfen, angebracht in den Treppenhäusern, versehen mit Grundrissen der Stockwerke. Künstlernamen sind dort eingetragen, und Raum für Raum bescheiden daruntergesetzt finden wir die Namen der Eigentümer. Auf diesem Weg erfahren wir jetzt, wer die Wichtigen hier sind, rechnen hoch und aus, daß tatsächlich vier, fünf nur den Ton angeben, daß Gerhard Lenz und Klaus Lafrenz, Reinhard Onnasch und Hans Grothe und Karl Gerstner die größten Flächen des sechstausend Quadratmeter weiten Ausstellungsraumes ausstatteten.

"Das ist alles Privatbesitz", Jürgen Meyer schwenkt die Arme durch den Raum mit Werken von Robert Filliou und Daniel Spoerri, umgreift mit seiner Geste den Inhalt der vier Speicher, "und das finde ich toll." Jürgen Meyer gehört zu den kleinen Sammlern. Mit Spekulation und so will er nichts zu tun haben. Für fünf Jahre hat er Kunstwerke hergegeben, "sein" Raum mit Werken von Felix Droese ist einer der wenigen in sich geschlossenen Räume, die die kleinformatigeren Werke beherbergen wie die "Elfer Gruppe" von Beuys oder ein Ensemble aus Skulptur und Zeichnungen von Norbert Radermacher. In Meyers Raum hängen, vom Winkelmaß diszipliniert, die Papierarbeiten von Felix Droese, zappeln förmlich in ihren Rahmen, versuchen einen Widerhaken in die große Kunstweihe zu treiben. "Diese Arbeit ist bewußt so gemalt", steht provozierend da auf einem Zettel. Doch dünn verhallt der aufmüpfige Ton in der weiten Kunst-Kirche.