ARD, Donnerstag, 5. September: "Anton Dvořák"

Korrekt wurde dieses Sechzig-Minuten-Stück als "Musikfilm" vorgestellt, und gut war sein Schöpfer Dietmar N. Schmidt beraten, die Zeichnung seines Dvořák-Portraits ganz Melos und Rhythmik zu überantworten. Zwar war man am Schluß ein wenig enttäuscht, daß die Biographie arg verkürzt ward und kein Wort zum Beispiel über Dvořáks Familienleben und seine circa zehn Kinder fiel – was für ein hübscher Kontrapunkt wär’ das gewesen zu den üblichen Geniebiographien mit ihrem eitlen Einsamkeitspathos –, aber ich seh’s ein: Entweder man erzählt eine Lebensgeschichte und unterlegt die mit Musik, oder man macht einen Musikfilm und stopft ein paar biographische Details in die Ritzen. Und geht’s um einen Komponisten, so würd’ ich immer sagen: Die bessere Alternative ist der Musikfilm, womöglich komplett ohne Worte, zehn Kinder hin und her.

Bloß: Wie bebildert man Musik im Film? Was zeigt man zum Streichquartett, zum Liebeslied, zur Ouvertüre oder sinfonischen Dichtung? Immer nur die Musikanten? Hält so eine Strenge das Publikum am Schirm? Bietet sich da nicht auch die Landschaft an, aus welcher der Tondichter kam, die Stadt, in der er groß wurde und starb, Baum und Kraut und Haus und Kirchentor?

Bietet sich an, jawohl, sollte aber im Prinzip abgelehnt und in der Praxis nur nach gewissenhaftester Prüfung akzeptiert werden. Die Crux bei einem Musikfilm ist, daß unsre sogenannten Seh- und Hörgewohnheiten die mit Musik belegte Tonspur automatisch zur Untermalung herabstufen, sobald das Bild die ausübenden Musiker oder sonst mit der Musik in funktionaler Beziehung stehende Motive verläßt.

Besonders tückisch sind Landschaften. Obschon ja Musik sich öfters anheischig macht, deren Reize ins Akustische zu übertragen, sollte die filmische Darbietung von Musik die Landschaft meiden. Sie ist als Assoziation im Oberstübchen des Hörers womöglich ein Vehikel für das Verständnis von Musik, stört aber als Abbild vor seinen Augen und als dominanter Sinnesreiz die Konzentration auf den Ton. Also bleibe die Kamera des Musikfilmers auf der fiedelnden Faust, dem fuchtelnden Maestro und der trillernden Soubrette. Es kommen ferner das Portrait des Komponisten, Modelle und Photos von Opernkulissen, Figurinen, Konzertsälen et cetera in Betracht. Bevor man in die Landschaft ausweicht, hat man eine bunte Menge sozusagen musikalischer Bildvarianten zur Verfügung.

Dietmar N. Schmidt stieg von Busch und Tal zu Gräsern und gar Käfern herab und lieferte so seinen Dvořák dem konventionellen Bildkitsch aus. Das Panorama des goldenen Prag sieht man ja immer wieder gern, und so sei es hingenommen, daß die Moldau, die Brücken und die Burg zum Slawischen Tanz op. 72 Nr. 4 Des-dur durch den Sonnenglast grüßen (warum aber dazu dann nicht die Orchesterfassung?). Daß jedoch die "Waldtaube" in einem idyllischen Weiher untergehen und gar noch eine nicht näher eingeführte Weibsperson zu den dergestalt prostituierten sinfonischen Klängen auf einem Friedhof rumlatschen mußte, ist nicht mehr zu verzeihen. Hier hat jemand einen Musikfilm gemacht, ohne der Musik allein das zuzutrauen, was sie am Ende spielen geschafft hätte: ein Portrait zu zeichnen.

Dieser Kleinmut ist um so bedauerlicher, als die Musikauswahl, die neben den populären Stücken wie dem amerikanischen Quartett und dem Cello-Konzert auch die bei uns so viel weniger bekannten Opern in Auszügen vorstellte, den Film hinwiederum empfiehlt.

Barbara Sichtermann