Von Gottfried Sello

André Chastel, durch zahlreiche Publikationen als Renaissance-Forscher ausgewiesen, hat den wohl wichtigsten Beitrag zur Leonardo-Literatur der letzten Jahre geschrieben. In seinem Buch, das 1987 in Paris erschienen ist und jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, hat er Leonardos Schriften zur Malerei neu ediert. Und diese Schriften sind eben nicht mit dem "Trattato della Pittura" identisch, der seit Jahrhunderten immer wieder neu aufgelegt wurde. Chastel hat auch andere Manuskripte herangezogen, die zwischen England, Frankreich und Italien aufgeteilt sind, und sie nach Texten untersucht, die sich mit Problemen der Malerei befassen. Diese Texte hat er mit den entsprechenden Zeichnungen illustriert und ihnen auf 23 Farbtafeln sämtliche Leonardo-Gemälde vorangestellt. Leonardo als Maler, als Zeichner, als Theoretiker – alles in einem handlichen Band. Dazu eine exzellente Einführung, die Bewunderung, aber auch Ratlosigkeit gegenüber Leonardo offen eingesteht und die sich nach Umfang und intellektueller Ernsthaftigkeit zu einer Leonardo-Monographie ausweitet.

Was Chastel bei seiner Textanalyse zutage fördert, ist eine gewissermaßen kontradiktorische Einsicht, daß nämlich Leonardos Denken sowohl zeitgemäße wie völlig unzeitgemäße Elemente enthalte. Es bewege sich in den vorgegebenen Bahnen der Renaissance, es reflektiere den Wissensstand der Epoche einschließlich der neuplatonischen Philosophie und Ästhetik, um sich alsbald aus dem ganzen historischen Kontext zu lösen, Jahrhunderte zu überspringen und Ideen zu produzieren, die erst im 20. Jahrhundert virulent werden.

Soll auf diese Weise wieder einmal die "Aktualität" eines Alten Meisters nachgewiesen werden? Keineswegs, Chastel hält nichts von den üblichen Pauschalbehauptungen (Leonardo ein Vordenker, ein Pionier der Kunst des 20. Jahrhunderts). Er differenziert, er begrenzt das Nachwirken Leonardos auf zwei extreme Strömungen der Moderne, die sich ausdrücklich auf Leonardo und seine Schriften berufen haben, auf den Kubismus und den Surrealismus. Tatsächlich hat Leonardo gewisse Momente der kubistischen Weltsicht vorausgedacht und formuliert. "Jeder Schattenkörper erfüllt die ihn umgebende Luft mit zahllosen Bildern von sich; diese Bilder, von zahllosen Pyramiden in die Luft geprägt, stellen den Körper ganz im ganzen Raum und ganz an jeder einzelnen Stelle dar. Jede Pyramide, die sich aus einem langen Zusammenlaufen von Strahlen zusammensetzt, enthält in sich unendlich viele Pyramiden, und jede hat dieselbe Kraft wie alle zusammen, und alle zusammen wie jede einzelne..." (No 107 in der von Chastel durchgeführten Neunumerierung der Texte). Als Kronzeuge für die Nähe zum Surrealismus wird Max Ernst zitiert, der sich ausdrücklich auf Leonardos berühmte Bemerkungen über die Mauerflecken bezieht, die er als Quelle der Inspiration wertet und denen er die Technik seiner Frottagen verdankt.

Für wen hat Leonardo seine Gedanken über die Malerei aufgeschrieben? Ursprünglich für sich selber, man kann die Schriften als eine Art Tagebuch verstehen, in dem er sich über die Probleme seiner Arbeit und über den Gegenstand seiner Arbeit, das Universum, Klarheit zu verschaffen sucht. Außerdem dürfte er an die Schüler und Freunde gedacht haben, denen er Verhaltensmuster für die künstlerische Praxis ("Das Atelier des Malers") an die Hand geben wollte. Im Lauf der Jahre – Chastel vermutet um 1490 – muß Leonardo sich entschlossen haben, das umfangreiche Material an Texten und Zeichnungen zu einem Traktat über die Malerei zu verarbeiten und zu publizieren. Mehrfach hat er die bevorstehende Veröffentlichung angekündigt. Aber zu seinen Lebzeiten ist nichts erschienen. Sein Schüler Francesco Melzi, der Leonardo nach Frankreich begleitete, hat alle seine Manuskripte geerbt. Melzi wollte den Trattato veröffentlichen, ist aber während der Vorarbeiten gestorben, und sein Sohn hat die nachgelassenen Schriften und Zeichnungen an Interessenten verkauft. Erst 1651 wurde der Traktat veröffentlicht, eine unvollständige, mehr oder weniger willkürliche Zusammenstellung aus den Manuskripten, die in die Bibliothek des Vatikans gelangt waren. Eine erste deutsche Ausgabe ist 1724 in Nürnberg erschienen, die dann unverändert nachgedruckt wurde. Seitdem im 19. und 20. Jahrhundert auch andere nachgelassene Schriften Leonardos entdeckt und publiziert wurden, ist es möglich, den Traktat über die Malerei kritisch zu überprüfen, ihn zu ergänzen und systematisch, das heißt unter thematischen Aspekten zu ordnen. Chastel hat den Traktat so rekonstruiert, wie Leonardo ihn konzipiert haben könnte.

Aber sein hochgemuter Versuch einer systematischen Aufarbeitung stößt an Grenzen. Leonardo hat kein in sich geschlossenes, widerspruchsfreies Lehrgebäude errichtet oder auch nur geplant. Das schweifend Chaotische ist sein Element: der abrupte Wechsel von exakter Beobachtung zur intuitiven Erkenntnis, von der Physik zur Metaphysik, von der Beschreibung zur Imagination. Dieses sprunghafte, der logischen Kontrolle sich entziehende Denken und Schreiben werden manche Leser als Schwäche, andere als einen zusätzlichen Reiz der Leonardo-Texte empfinden. Berühmt und häufig zitiert ist Leonardos "Beschreibung der Sintflut" (nach der neuen Numerierung Text 64): kein Bericht über das biblische oder prähistorische oder mythische Ereignis, sondern eine Anleitung, wie der Künstler es darstellen sollte. "Als erstes sei dargestellt der Gipfel eines steilen Berges, ihm zu Füßen ringsum einige Täler; und wie sich von seinen Flanken das Erdreich mitsamt den winzigen Wurzeln des Buschwerks loslöst und die umliegenden Felsen zum großen Teil kahl zurückläßt; das stürze alles mit Macht die steilen Abhänge hinunter... Aber das gestaute Wasser soll in dem See, der es enthält, im Kreis fließen, mit strudelnden Wirbeln an einigen Stellen aufschlagen und mit schlammigem Schaum in die Luft hochspritzen ..." So geht es seitenlang weiter mit Einzelheiten der Flutkatastrophe – nur, daß er längst nicht mehr eine Untergangsvision beschreibt, sondern den Wolkenbruch, den er am Strand von Piombino beobachtet hat: "... in der Luft eine Überschwemmung durchsichtiger Schleier, die aus dem herabfallenden Regen bestehen, der in der Nähe des beobachtenden Auges ist. Die Meereswellen, die gegen die Berge an der Küste schlagen ..." Und nun greift er zum Stift und zeichnet das strudelnde Chaos (die Zeichnung aus Windsor Castle ist dem Text gegenübergestellt), und man weiß nicht, hat er die Sintflut dargestellt oder das Naturphänomen einer Wasserhose oder ein aus Imagination und Beobachtung hergeleitetes Drittes, eine psychische Situation, den Seelenstrudel?

Den Hauptteil der Texte (von No 68 bis No 266) hat Chastel unter dem Titel "Die Probleme des Malers" zusammengefaßt. Er beginnt mit der Frage, wie man die Malerei beurteilen soll. Leonardos Antwort, nicht nur für Kritiker interessant: "... das gute Urteil kommt daher, daß man etwas von der Sache versteht, und das Sachverständnis kommt aus dem guten Grund, den man sich aus den guten Regeln herausgeholt hat, und die guten Regeln sind die Töchter der Erfahrung, der gemeinsamen Mutter aller Wissenschaften und Künste..."