Das Theater ist ein Piratenschiff

Von Klaus Dermutz

Gert Voss, geboren am 10. Oktober 1941 in Schanghai, ist heute der wahrscheinlich erfolgreichste Schauspieler seiner Generation. Mit Claus Peymann zog er von Stuttgart nach Bochum nach Wien – sein Burgtheaterdebüt mit Shakespeares "Richard III." (1987) überwältigte auch jene Wiener Theaterliebhaber, die eigentlich entschlossen waren, Peymann und seiner deutschen Theaterinvasion bis aufs Blut Widerstand zu leisten.

Seitdem war Voss Peymanns Prospero und Taboris Othello, hat bei Peter Zadek den Shylock und den Iwanow gespielt – und beginnt demnächst mit den Proben zu "Macbeth", Regie wieder Peymann.

In einer seiner schönsten Rollen spielt der Schauspieler Voss einen Philosophen namens Voss, Thomas Bernhard hat die Komödie ihm und zwei großen Kolleginnen gewidmet, ihr Titel: "Ritter, Dene, Voss".

Bernhard Minetti hat in seinen "Erinnerungen eines Schauspielers" von zwei Träumen aus seiner Kindheit erzählt. Einmal träumte er, er sei ein Acker, auf dem Getreide wogt, und im anderen Traum sah er sich daliegen wie "Eisenbahnschienen vor der Einfahrt in eine große Station". Haben Sie von Ihrer Arbeit ähnliche Bilder oder Träume?

GERT VOSS: Erst im Laufe der letzten Jahre hat sich für mich herausgebildet, daß jede Arbeit eine Reise zu einem unbekannten Kontinent ist. Und wenn die Arbeit schön war, war diese Reise besonders abenteuerlich.

Und bei dieser Reise ist es für Sie das Wichtigste, immer einen neuen Körper für Ihre jeweilige Rolle zu finden?

Das Theater ist ein Piratenschiff

VOSS: Ja, das ist mein Traum. Das Schöne an diesem Beruf ist, daß man sich verwandeln, verändern kann. Wenn ich als Kind oder als Junge ins Theater gegangen bin, habe ich am meisten bewundert, wenn man einen Schauspieler auf der Bühne nicht wiedererkennen konnte. Das fand ich das größte Kriterium für einen Schauspieler. Das hängt auch damit zusammen, daß ich früher gerne ins Kino gegangen bin, und da war die Illusion so perfekt, daß man wirklich das Gefühl hatte, das ist jetzt wirklich ein einmaliger Mensch. Und im nächsten Film war dieser Schauspieler wieder ein anderer Mensch. Das Ideal wäre, einen anderen Körper zu finden, eine andere Stimme, einen anderen Gang, eine andere Bewegung in den Händen, einen anderen Ausdruck in den Augen. In diesen Dingen bin ich auf der Suche.

Geschieht diese körperliche Erfindung durch genaue Beobachtung von Menschen im Alltag?

VOSS: Wie eine Figur entsteht, setzt sich aus all den Beobachtungen zusammen, die ich auf der Straße, in einem Café, in einem Kino, im Theater oder in der Kantine mache. Wenn man genau hinguckt, gibt es unter den Menschen keine Klischees. Jeder Mensch besteht aus unendlich vielen Einzelheiten, die nur einmal in dieser Welt vorkommen. Wenn man über die erste Imitationsphase hinweg ist, versuche ich, diese Person zu einer eigenen, ganz autonomen Figur werden zu lassen. Und dann beginnt ganz langsam der Prozeß, daß ich mich interessiere, wie der angezogen ist, was der Anzug für seine Bewegungen bedeutet, wie die Schuhe, die er trägt, seinen Gang beeinflussen. Wie die Requisiten, die er benutzt, seine Hände, seinen Körper verändern. Am Anfang helfe ich mir mit groben Mitteln. Bei Othello war das so: Das Fremdsein dieses Menschen hat mich sehr fasziniert. Ich dachte, ich bin ja so wie die anderen, und ich muß irgend etwas erfinden, was mich fremder macht. Ich habe mir kindlich, ganz naiv vorgestellt, ich habe eine andere Sprache, eine andere Stimme. Sie tat mir selbst am Anfang sehr weh, weil sie gegen meine Natur war. Im Lauf der Proben wird das dann zur eigenen Natur, weil es durch die eigene Phantasie gespeist wird. Bei Othello war ich fasziniert von der ungeheuren Offenheit dieses Menschen, er gibt sich unentwegt preis. Ich habe versucht, körperliche Attribute zu finden, die mich ganz öffnen, mich angreifbar machen.

Hat der Beruf als Schauspieler mit den Verletzungen zu tun, die durch diese Offenheit entstehen?

VOSS: Ja, sicher. Wenn man wirklich mutig arbeitet, ist man ungeheuer verletzbar, weil man sich durchsichtig macht, für die Mitarbeitenden und später auch im Spiel. Verletzbarkeit ist eine der schönsten Eigenschaften. Die Phantasie ist der größte verletzbare Punkt bei einem Menschen.

Woher nehmen Sie die Kraft, diese Verletzbarkeit auszuhalten?

VOSS: Ich denke gar nicht so sehr daran, ob das viel Kraft kostet. Solange es mir eine große Lust bereitet, ist es so wie bei der Besteigung eines Berges. Die Neugierde gibt mir die Kraft. Sicher ist man erschöpft, wenn man auf diesem Berg angekommen, diesen Kontinent entdeckt hat. Daß ich diese Strecke hinter mich gebracht habe, animiert mich ungeheuerlich. Über den Kräfteverlust denke ich nicht nach.

Das Theater ist ein Piratenschiff

Was sollte Theater leisten?

VOSS: Das einzige Kriterium für mich ist, daß ich beim Zuschauen das Gefühl habe, das ist wahr. Am aufregendsten ist Theater, wenn ich nicht mehr erkenne, daß da oben eine Spielregel abläuft, sondern eine Aneinanderreihung von lauter Vorfällen, Unfällen. Ich werde im Theater immer mit einer vergrößerten Realität konfrontiert. Ich will mich verführen lassen, auf einen Menschen einzugehen, mit ihm durch lauter Irrwege zu gehen.

Wollen Sie als Schauspieler auch verführen?

VOSS: Ja. Für mich ist es das Größte, wenn ich den Zuschauer den eigenen Körper vergessen lasse, daß er sich mit mir beschäftigt, neugierig auf mich ist. Das ist vielleicht die schönste Aufgabe des Theaters: den Menschen auf sich selbst und auf Menschen überhaupt neugierig zu machen.

Wollen Sie dem Zuschauer auch Schmerzen zufügen?

VOSS: Natürlich. Wenn man sich mit Menschen beschäftigt, löst das Schmerzen aus. Aber ich will das nicht primär. Es gibt auch Träume, Sehnsüchte, die das Theater in einem wachruft.

Was machen Sie mit den durch das Theater wachgerufenen Sehnsüchten, die man im Alltag gar nicht leben kann? Eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen dem eigenen Empfinden und dem Leben, das man seiner führen muß.

Das Theater ist ein Piratenschiff

VOSS: Sicherlich. Im Theater ist es immer eine angehobene Situation. Man muß ja auf der Bühne, das ist der Unterschied zum Film, Dinge vergrößern, ohne sie dabei zu verraten. Die schönste Wirkung ist die, die nicht mehr erkennbar ist. Zuviel Wirkung lenkt mich ab. Die Glücksmomente am Theater sind für mich jene Augenblicke, wenn ich mir die Handwerklichkeit nicht mehr erklären kann. Das Theater, das sich mir aufdrängt, das mir Erklärungen geben will, finde ich erschöpfend und entmutigend. Das Theater, das mich in Ruhe läßt, beunruhigt mich am meisten. Beim Erklärungstheater liege ich nur ermattet im Stuhl. Wenn ich etwas nicht verstehe, mir etwas rätselhaft ist, dann beuge ich mich vor. Der wichtigste Faktor im Theater ist: Es muß immer auch ein Stückchen Geheimnis bleiben.

Thomas Bernhard meint: Je näher man einen Menschen kennt, desto abstoßender findet man ihn. Ist das auch Ihre Empfindung?

VOSS: Ja, zu einem Teil stimmt das. Ich würde nicht sagen abstoßend, sondern langweilig. Die Spannung zwischen zwei Menschen ist am stärksten, wenn beide ein Geheimnis zwischen sich behalten, eine Art Undurchsichtigkeit. Je mehr man sich mit einem Menschen ernsthaft beschäftigt, desto mehr wird man erkennen, daß man ihn gar nicht versteht. Insofern widerspricht das der Meinung von Thomas Bernhard. Ich glaube nicht, daß man einen Menschen wirklich erfassen kann.

Dann heißt sich lieben, wie Julien Green einmal gemeint hat, sich gegenseitig den Abgrund verbergen?

VOSS: Ja. Das Rätselhafte an einem Menschen zieht uns an.

Deswegen lieben Sie auch so sehr die Romanfiguren von Joseph Conrad?

VOSS: Ja. Das hängt auch sehr mit meiner Biographie zusammen. Ich wurde in Asien geboren und habe eine große Schiffsreise gemacht. Das ist immer noch einer der aufregendsten Punkte in meinem Leben. Mich haben immer Leute interessiert, die mit Schiffen durch die Welt fahren. Ich habe neulich ein Buch über James Cook gelesen. Das ist ein Mensch, der seine Reisen unternahm, als die Welt noch so unerforscht war wie das Weltall. Das Ende von James Cook finde ich so beklemmend. Er wollte die Verbindung zwischen dem Pazifik und dem Atlantischen Ozean finden. Er ist dann gescheitert, er hat sich verfahren, oben am Nordpol. Alles ist zugefroren, er mußte wieder zurück nach Hawaii. Dort wurde er als Gott verehrt. Sie haben ihn für Gott gehalten, weil er mit Pferden auf diese Insel kam, die sie noch nie gesehen hatten. Doch je öfter James Cook dorthin kam, desto mehr haben die Einwohner menschliche Züge an ihm endeckt. Als er nach dem gescheiterten Versuch, diese Durchfahrt zu finden, zurückkehrte, wollte er auf Hawaii überwintern. Er wurde gewarnt, er sollte nicht zu lange bleiben, weil Gott nur in einem bestimmten Zyklus wiederkommen würde. Dann hat er es für besser gehalten, die Insel zu verlassen. Er ist mit seinem Schiff rausgefahren, ein wahnsinniger Sturm kam, das Schiff wurde zerstört, und er mußte umkehren. Das war sein absoluter Tod. Dadurch hat er sich in den Augen der Einwohner seiner Göttlichkeit endgültig beraubt, weil er ganz menschlich durch einen Sturm zurückgetrieben worden ist. Sie haben ihn dann im wahrsten Sinne des Wortes geschlachtet und geopfert. Und waren dadurch wieder befreit. Das ist eine tolle Geschichte von einem Menschen, der die Welt erforschen will. Er wird von den Menschen zu Gott gemacht, und weil er diese Rolle nicht spielen kann, muß er vernichtet werden.

Das Theater ist ein Piratenschiff

Hat Ihre Geburt in Schanghai und Ihr Aufenthalt in Asien bis zu Ihrem sechsten Lebensjahr Ihren Charakter geprägt?

VOSS: Es hat mich vielleicht insofern beeinflußt, als ich kein Nationalgefühl kenne. Es wäre mir egal, wenn meine Eltern mit mir von China nach Australien gezogen wären, was auch einmal zur Debatte stand. Ich habe zu Deutschland nie eine Beziehung gehabt. Ich fühle mich immer ein wenig als Ausländer. Als ich nach Deutschland kam, war hier der Krieg gewesen. Ich habe staunend Hamburg gesehen, diese zerstörte Stadt. In Schanghai gab es keinen Krieg, es gab ein paar Luftkämpfe zwischen Japanern und Nordchinesen. Der Krieg war mir nicht körperlich bewußt, geistig sowieso nicht. Mein Bruder und ich haben die zerstörten Häuser wie Schatzsucher gesehen. Wir haben den Schrecken gar nicht begriffen.

Das war für Sie ein faszinierendes Abenteuer?

VOSS: Ja. Bestimmte Eigenschaften, die ich an Chinesen schön fand, die Fähigkeit, die ich mit Geduld beschreiben würde, über die sie viel mehr verfügen als wir Europäer ...

Das ist in Ihr Wesen eingeflossen...

VOSS: Das kann ich nicht beurteilen. Mich faszinieren diese Fähigkeiten, auch eine gewisse Art von Gelassenheit.

Die schönste Stelle in Joseph Conrads "Lord Jim" ist für mich jene Passage, wo Marlowe den Deutschen Stein fragt, wie man leben soll. Er antwortet ihm: "Der einzige Weg ist: dem zerstörerischen Elemente gib dich preis, und laß, während du mit Händen und Füßen im Wasser ruderst, das tiefe, tiefe Meer dich aufrecht halten." Was bedeutet es, sich dem zerstörerischen Element preiszugeben?

Das Theater ist ein Piratenschiff

VOSS: In uns Menschen gibt es einen zerstörerischen Trieb. Schon die Tatsache, daß man immer mehr wissen will, führt zur Zerstörung alles Vorhergehenden. Auch im Theater ist jede neue Arbeit eine Zerstörung des Alten. Eine Vorstellung müßte sich gegenüber den vorhergehenden zerstörerisch verhalten, um wieder etwas Neues zu finden. Mit dem Risiko des totalen Scheiterns. Der Zadek, das war wunderschön, hat einmal eine Probe abgebrochen und zu uns gesagt: "Ihr spielt das alle, als wolltet ihr mir beweisen, ihr hättet eure Hausaufgaben gemacht, was ihr bei der letzten Probe gelernt habt, was wir verabredet haben. Und genau das interessiert mich nicht." Das "Brillieren" macht das Theater so tödlich. Es ist schöner, sich der Leere preiszugeben, bis dann aus der Leere wieder etwas Neues entsteht. In dem Moment, wo man sich völlig diesem Druck entzieht, entsteht Theater. Es ist immer schön zu beobachten, wenn auf der Bühne etwas Unvorhergesehenes passiert, ein Schauspieler den Text vergißt oder sich verspricht. Der Schreck, der in einem solchen Moment dem Schauspieler in die Glieder fährt, verändert ihn für eine Sekunde. Es entsteht diese Panne, und man fragt sich, was passiert jetzt? Das ist für mich immer ein Indiz, wie Theater sein müßte.

Thomas Bernhard meint, man muß nach zehn, zwölf Vorstellungen die Schauspieler "auspeitschen und noch einmal von vorne anfangen und ihnen sagen, wie scheußlich sie alle sind."

VOSS: Da trifft er den Nagel auf den Kopf. Ich glaube nicht, daß Aufführungen fertige Ergebnisse sind. Ich bin oft sehr traurig, daß sich Regisseure so wenig um den weiteren Verlauf ihrer Aufführungen kümmern. Wenn die Proben beendet sind, ist das wie ein Samen, aus dem jetzt was wächst, mit den ganzen Unvorhersehbarkeiten. Da braucht es von außen wachsame Augen, ob der Schauspieler nicht aufgrund seines Erfolgs zu reproduzieren beginnt. Reproduktion ist fürs Theater ein tödliches Wort; Wenn ein Schauspieler im schlimmsten Sinne des Wortes sicher wird, seiner Wirkung sicher, dann verrät er den Beruf, gibt etwas ganz Wesentliches auf. Es ist sehr schwer, sich diese Verletzbarkeit zu bewahren. Es ist, als würde man sich eine Wunde immer wieder aufkratzen.

Man muß als Schauspieler immer wieder bluten?

VOSS: Ja, so pathetisch es klingt, so müßte es sein.

Wieviel Blut kostet Sie die Darstellung von Tschechows Iwanow?

VOSS: Für mich ist Iwanow eines der größten Abenteuer, die ich am Theater erlebt habe. Weil ich vor der Vorstellung nie weiß, wohin mich das alles bringt. Ich rätsele nach wie vor immer wieder über die Figur. Ich habe keinen Umriß vor mir, weil dieser Mensch auch keinen Umriß hat. Iwanow ist ein Mensch, der sich selbst nicht versteht. Sobald ich meine, etwas über ihn zu verstehen und mich verführen lasse, das als Ergebnis zu präsentieren, ist es schon falsch.

Das Theater ist ein Piratenschiff

Wie spielen Sie dieses ständige Umschlagen der Empfindungen, das oft in Sekundenbruchteilen vor sich geht?

VOSS: Iwanows Natur ähnelt der der meisten Menschen. Sie beobachten ständig sich selber. Und dadurch relativieren sie alles immer wieder. Bei Iwanow gibt es kaum einmal einen Moment, wo er ganz identisch mit sich selbst ist. Mein Weg beim Spielen besteht darin, mich immer von diesem Menschen zu entfernen, wenn ich mich ihm annähere.

Die Annäherung zu zerstören?

VOSS: Ja. Schauspielen ist eine reine Suchfahrt.

Inwiefern kann ein Regisseur einem Schauspieler dabei helfen? Sie haben Peter Zadek als einen Piraten bezeichnet.

VOSS: Zadek ist einer der wenigen, der keine Spielregeln einhält. Bei der Probe nicht, dem Stück gegenüber nicht, auch dem Publikum gegenüber nicht. Er schaut zu und kontrolliert es nur auf die Wahrhaftigkeit hin. Auch beim "Kaufmann von Venedig" war es ganz wichtig, daß er mich gezwungen hat, mich von allen Tricks zu verabschieden. Das ist eine ungeheuerliche Leistung. Die Arbeit mit ihm ist wie die Ausbildung in einer Schauspielschule. Durch seine Anwesenheit werde ich herausgefordert, auf meine Unarten zu verzichten. Das bedeutet auch, daß man über lange, lange Strecken vollkommen hilflos, verzweifelt hilflos ist. Man kann im Laufe seines Berufes die Regisseure ganz schön mit Handwerk blenden. Das interessiert Zadek überhaupt nicht. Das ist das Wunderbare.

Kann man Peymann leichter blenden?

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VOSS: Das würde ich nicht sagen. Peymann ist ein Mensch, der sehr stark versucht, sich etwas zu erklären. Er bohrt so lange, bis er es sich und uns erklären kann. Zadek ist dies vollkommen egal. Wenn ich im Theater sitze, fasziniert mich am meisten, wenn ein Schauspieler auf den Beweis seiner Meisterschaft verzichtet. Ein Beispiel: Wir haben mit Peymann "Iphigenie" gemacht. Wir haben uns mit dieser gehobenen Sprache gequält, alles war so edel und rein. Wir wollten da immer Realität finden. Wir haben die wahnsinnigsten Sachen gemacht, naturalistisch, die Sprache zerbrochen, sie psychologisiert. Der einzige Schauspieler, für den das alles überhaupt kein Problem war, ist der alte Hans Mahnke gewesen. Der hat den Text einfach gesprochen. Er hat diese ganzen Eskapaden nicht mitgemacht. Heute würde ich sagen, er war der Schönste in der ganzen Aufführung. Er hat sich zur Verfügung gestellt, wie ein Tier oder wie ein Baum. Dadurch wurde der Text einfach und groß.

In Wien lebt man sehr abgeschieden von der übrigen Theaterwelt. München ist sechshundert Kilometer entfernt. Hat diese Abgeschiedenheit dazu geführt, daß Sie sich stärker auf Ihre Rollen konzentrieren?

VOSS: Vielleicht spielt das eine Rolle. Ich habe mich in Bochum und Stuttgart wahnsinnig wohl gefühlt, wir hatten dort eine viel größere Zusammengehörigkeit. Ich habe den Peymann, den Beil, die Kirsten Dene gesehen, wir haben miteinander gearbeitet. Am Burgtheater ist alles so riesig, daß wir uns gar nicht mehr sehen. Hier ist es wie die babylonische Sprachenverwirrung. Es gibt so viele sich ausschließende Auffassungen von Theater und vom Schauspielerberuf;

Für Thomas Bernhard ist Wien eine Kunstmühle, eine Genievernichtungsanstalt. Oben wird man reingeworfen, dann wird gedreht, und unten kommt das Mehl heraus. Empfinden Sie das auch so?

VOSS: Ich würde es nicht so defätistisch sehen. Einige Körnchen überleben ja auch bei diesem Durchdrehen. Sicher ist das Zustandekommen einer Aufführung in Wien eine disparate Angelegenheit. Viele Leute wollen eine Arbeit schon in ihrem Keim bekämpfen, und wenn sie nicht daran beteiligt sind, intrigieren sie hintenherum, verbreiten eine schlechte Meinung. In Wien gibt es ganz starke Voreingenommenheiten, wie Theater zu sein hat. Ein Großteil des Ensembles findet die Arbeit von Zadek oder Peymann ekelerregend.

Bei der Premiere von "Richard III." haben Sie mit einer Wut gegen den funkelnden See der Colliers und Schmuckgehänge angespielt, gegen die schaurige Friedhofstimmung, die Ihnen entgegenwehte. Ist das Burgtheater ein riesiges Sitzgrab, in dem die Zuschauer in der Pause eine kurze Auferstehung erleben und danach einen zweiten Tod sterben?

VOSS: Ja, ich hatte mir davor einige Aufführungen angeguckt, und ich war ziemlich erschrocken, wie da Aufführungen abgesessen und abgeschlafen werden. Unsagbar viele schlafende Menschen. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Im Laufe der Zeit kommt nun ein ganz anderes Publikum ins Burg- oder Akademietheater. Man muß da furchtbar aufpassen, weil in Wien gibt es auch viele Leute, die sehr sensibel zugucken. Als wir mit "Iwanow" beim Theatertreffen in Berlin gastierten, waren die Leute viel zu schnell im Reagieren, als wüßten sie schon alles. Das Wiener Publikum ist viel zurückhaltender, auch viel vorsichtiger und geduldiger.

Das Theater ist ein Piratenschiff

Verstehen Sie, warum Peymann Österreicher werden will?

VOSS: Da es mir selbst egal ist, was für einer Nation ich angehöre, keine Beziehung zu einem Nationalitätenkram habe, denke ich mir, daß er sich zu diesem Land unmittelbar äußern will. Peymann möchte, daß man ihm nicht vorwerfen kann: Du bist doch nur ein Piefke. Du bist ja von Deutschland. Das ist meine vorsichtige Erklärung. Thomas Bernhard hätte das wahrscheinlich als Verrat empfunden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Thomas Bernhard Peymann darin unterstützt hätte; weil er hat ja gerade Peymanns Fremdartigkeit, so konträr zur Wiener Mentalität, geschätzt. Kennen Sie diese schöne Geschichte: Peymann will doch immer oben auf dem Theaterhaus eine Fahne, und er hat sich überlegt, was er da draufschreibt. Er hat vorgeschlagen: Dem Wahren, Guten und Schönen. Thomas Bernhard hat gesagt, wir müssen draufschreiben: Mord und Totschlag. Das ist die richtige Überschrift für das Burgtheater. Das ist wirklich schön. Wie wenn man die Totenkopfflagge hissen würde, aus diesem Theater ein Freibeuterschiff macht.

Joseph Conrad hat erzählt, daß er ein Gefühl vollkommener physischer Befriedigung empfand, als er das erstemal ein Schiff betrat. Hatten Sie eine ähnliche Empfindung, als Sie zum erstenmal eine Bühne betraten?

VOSS: Ich habe mich diesem Beruf mit einer ungeheuren Schüchternheit genähert. Mit furchtbar vielen Ängsten, mich geniert. Ich habe mich im Theater nicht von Anfang an wohl gefühlt, das hat sehr lange gebraucht, obwohl ich diesen Beruf wollte. Ich habe wirklich in Kleinsttheatern angefangen, in der Provinz, in Konstanz. Die überstürzten mich da alle mit ihren Vorstellungen von Theater, ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Ich war am Anfang nur ein ängstlicher und verzweifelter Nachvollzieher von Unmöglichkeiten. Ich fand das grauenhaft, was ich da machen mußte. Ich dachte mir immer, ich muß doch an den Punkt kommen, wo ich das tue, was mir gefällt. Wenn man nur der Vollzugsbeamte von idiotischen Provinzregisseuren ist, kommt man ja nie raus. Ich habe Glück gehabt, daß ich im Laufe meines Lebens auf intelligente Leute gestoßen bin, die mich in meinen Vorstellungen bestätigt haben.

Dadurch kam es zu Ihrem Durchbruch?

VOSS: Ich würde es gar nicht als Durchbruch bezeichnen. Es ist ganz langsam geschehen, wie überhaupt bei mir alles im Leben langsam geht. Unter tausend Decken und Häuten habe ich mich rausgeschwommen.

Julien Green hat in seinem Journal geschrieben, daß es bei jedem Menschen, der das 40. Lebensjahr überschritten hat, unweigerlich ein Drama gibt. Ist das bei Ihnen auch so?

Das Theater ist ein Piratenschiff

VOSS: Nein. Ich freue mich, je älter ich werde. Je älter man wird, desto durchsichtiger, poröser wird man. Am Anfang habe ich bei vielen Rollen darunter gelitten, daß ich noch nicht das Gesicht dafür habe. In meinem Gesicht kann man noch gar nicht sehen, was sich da in der Figur abspielt. Deswegen sehe ich alte Schauspieler am liebsten, weil sie die größte Preisgabe haben, wenn sie intelligent geblieben sind. Minetti ist für mich ein wandelndes Buch. Ich bewundere an Minetti seine unermeßliche Neugierde. Ich finde es so toll, daß ein Schauspieler, der wirklich alles im Leben erreicht hat, sich immer wieder auf dieses Risiko mit viel jüngeren Leuten einläßt. Das sieht man. Die Neugierde brennt geradezu in diesem Menschen. Das finde ich das Schönste, was man sich als Schauspieler erhalten kann. Ich habe mich so gefreut, als er nach "Iwanow" zu mir in die Garderobe kam. Er hat mir so schöne Sachen gesagt. Und dann stand er da vor mir und hat mich so ernst angeguckt, und ich hab’ mir gedacht: Hoffentlich lebt dieser Mann noch hundert Jahre. Für mich ist er die schönste Bestätigung, was der Beruf aus einem machen kann. Daß man wie ein Baum wird, wie das beim Mahnke war. Wenn ich Minetti in Thomas-Bernhard-Stücken gesehen habe ... er spielt das viel einfacher als wir, diese künstliche Sprache von Bernhard kommt bei ihm aus seinem Körper.

Jürgen Flimm hat gemeint, daß man mit fünfzig die Spielzeiten zu zählen beginnt. Sie werden im Herbst fünfzig, zählen Sie schon die Spielzeiten?

VOSS: Gottlob, das tue ich nicht.

Sie denken gar nicht ans Altern?

VOSS: Nein. Mein ganzes Leben lang habe ich immer Angst vor dem Tod, diese Angst habe ich schon als kleines Kind gehabt. Das ist meine größte Furcht. Ich kann mich absolut nicht damit abfinden, der Tod kommt mir absolut sinnlos vor. Solange ich noch immer das Gefühl habe, daß es so viele Dinge gibt, die ich erleben möchte, solange kann das Leben für mich unendlich sein. Ich stelle mir das schrecklich vor, wenn man noch so viele Wünsche hat, daß man dann plötzlich sterben müßte. Aber vielleicht kommt man zwangsläufig an einen Punkt, wo man sich sagt, jetzt weiß ich alles, jetzt brauche ich nicht mehr weiterzuleben.

Bernhard Minetti wollte sich mit fünfzig umbringen. Haben auch Sie sich das schon einmal überlegt?

VOSS: Nein. Aus dem ganz simplen Grund: Ich habe zu viel Angst davor. Das heißt nicht, daß ich nicht in fürchterlichen Verzweiflungen gesteckt habe, aber letzten Endes, wenn ich mir gar nicht mehr zu helfen wußte und daran dachte, dann hat mich eine solche Wut gepackt, diesen Zustand zu beenden.

Das Theater ist ein Piratenschiff

Am tiefsten Punkt kam die Rebellion?

VOSS: Ja. Die Selbstbehauptung kam dann. Ich sagte mir, du hast doch gar nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt erst mußt du die ganzen Ventile aufmachen. Daraus kommt deine neue Kraft. Leider Gottes brauche ich das immer wieder, an diese Endpunkte zu kommen, obwohl das furchtbar weh tut. Ich bin ein Mensch, der Neuland nur über eine absolute Schwärze oder Hoffnungslosigkeit betreten kann.

Wenn Sie eine "Bilanz" über Ihr Leben aufstellen würden, spräche die gegen Sie?

VOSS: Es hat furchtbare Umwege gegeben, wie ich immer ganz wahnwitzige Umwege mache und Fehlgassen einschlage. Ich möchte das nicht noch mal erleben. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen: Wäre das noch so! Ich freue mich über jeden neuen Tag.

Was war das schönste Erlebnis für Sie am Theater?

VOSS: Das letzte Erlebnis, die gestrige Vorstellung. Und ich habe jetzt schon Angst, wenn wir am Wochenende "Othello" spielen, ob wir das alles wiederfinden. Dahin bin ich orientiert.

Und das schrecklichste Erlebnis?

Das Theater ist ein Piratenschiff

VOSS: Die schrecklichen Momente waren immer am schrecklichsten. Es gibt da keine Steigerung. Da hilft mir mein Gehirn. Ich vergesse das. Ich habe grauenhafte Sachen am Theater erlebt, auch in menschlicher Hinsicht. Aber irgendwie bin ich da nicht nachtragend. Ich leide nicht mehr darunter. Im Gegenteil, ich kann darüber lachen, ich finde es wahnsinnig komisch. Ich habe solche Niederlagen erlebt, das gibt es überhaupt gar nicht. Und jedesmal denke ich mir, schlimmer kann es nun wirklich nicht mehr kommen. Das finde ich ganz wichtig in diesem Beruf. Daß man alles relativiert. Theaterspielen ist eine Alltagskunst. Es geschieht an einem Tag, dann ist es vorbei. Es bleibt nichts von uns. Ein Filmschauspieler kann am Ende seines Lebens sagen, schauen Sie sich diesen oder jenen Film an, aber ein Theaterschauspieler ...

Leiden Sie darunter, daß alles vergeht?

VOSS: Manchmal denke ich schon, etwas müßte von einem übrigbleiben, an das sich die Leute erinnern können. Da bin ich ganz eitel. Ich möchte auch so einen Film gemacht haben wie Peter Lorre in "M". Das genügt, dann wissen die Menschen noch in hundert Jahren davon.

Warum sind Sie nicht zum Film gegangen?

VOSS: Weil ich keine Gelegenheit habe. Die Leute interessieren sich nicht so für mich. Ich würde auch nur mit Leuten arbeiten wollen, die ich hoch einschätze. Die müßten dasselbe Kaliber haben wie der Zadek auf dem Theater. Die Filmemacher, die ich bewundere – wahrscheinlich kennen sie mich gar nicht... Manchmal finde ich das traurig, aber dann sage ich mir, dann soll es eben nicht sein. Theater ist aufregend genug.