VOSS: Ja, das ist mein Traum. Das Schöne an diesem Beruf ist, daß man sich verwandeln, verändern kann. Wenn ich als Kind oder als Junge ins Theater gegangen bin, habe ich am meisten bewundert, wenn man einen Schauspieler auf der Bühne nicht wiedererkennen konnte. Das fand ich das größte Kriterium für einen Schauspieler. Das hängt auch damit zusammen, daß ich früher gerne ins Kino gegangen bin, und da war die Illusion so perfekt, daß man wirklich das Gefühl hatte, das ist jetzt wirklich ein einmaliger Mensch. Und im nächsten Film war dieser Schauspieler wieder ein anderer Mensch. Das Ideal wäre, einen anderen Körper zu finden, eine andere Stimme, einen anderen Gang, eine andere Bewegung in den Händen, einen anderen Ausdruck in den Augen. In diesen Dingen bin ich auf der Suche.

Geschieht diese körperliche Erfindung durch genaue Beobachtung von Menschen im Alltag?

VOSS: Wie eine Figur entsteht, setzt sich aus all den Beobachtungen zusammen, die ich auf der Straße, in einem Café, in einem Kino, im Theater oder in der Kantine mache. Wenn man genau hinguckt, gibt es unter den Menschen keine Klischees. Jeder Mensch besteht aus unendlich vielen Einzelheiten, die nur einmal in dieser Welt vorkommen. Wenn man über die erste Imitationsphase hinweg ist, versuche ich, diese Person zu einer eigenen, ganz autonomen Figur werden zu lassen. Und dann beginnt ganz langsam der Prozeß, daß ich mich interessiere, wie der angezogen ist, was der Anzug für seine Bewegungen bedeutet, wie die Schuhe, die er trägt, seinen Gang beeinflussen. Wie die Requisiten, die er benutzt, seine Hände, seinen Körper verändern. Am Anfang helfe ich mir mit groben Mitteln. Bei Othello war das so: Das Fremdsein dieses Menschen hat mich sehr fasziniert. Ich dachte, ich bin ja so wie die anderen, und ich muß irgend etwas erfinden, was mich fremder macht. Ich habe mir kindlich, ganz naiv vorgestellt, ich habe eine andere Sprache, eine andere Stimme. Sie tat mir selbst am Anfang sehr weh, weil sie gegen meine Natur war. Im Lauf der Proben wird das dann zur eigenen Natur, weil es durch die eigene Phantasie gespeist wird. Bei Othello war ich fasziniert von der ungeheuren Offenheit dieses Menschen, er gibt sich unentwegt preis. Ich habe versucht, körperliche Attribute zu finden, die mich ganz öffnen, mich angreifbar machen.

Hat der Beruf als Schauspieler mit den Verletzungen zu tun, die durch diese Offenheit entstehen?

VOSS: Ja, sicher. Wenn man wirklich mutig arbeitet, ist man ungeheuer verletzbar, weil man sich durchsichtig macht, für die Mitarbeitenden und später auch im Spiel. Verletzbarkeit ist eine der schönsten Eigenschaften. Die Phantasie ist der größte verletzbare Punkt bei einem Menschen.

Woher nehmen Sie die Kraft, diese Verletzbarkeit auszuhalten?

VOSS: Ich denke gar nicht so sehr daran, ob das viel Kraft kostet. Solange es mir eine große Lust bereitet, ist es so wie bei der Besteigung eines Berges. Die Neugierde gibt mir die Kraft. Sicher ist man erschöpft, wenn man auf diesem Berg angekommen, diesen Kontinent entdeckt hat. Daß ich diese Strecke hinter mich gebracht habe, animiert mich ungeheuerlich. Über den Kräfteverlust denke ich nicht nach.