Was sollte Theater leisten?

VOSS: Das einzige Kriterium für mich ist, daß ich beim Zuschauen das Gefühl habe, das ist wahr. Am aufregendsten ist Theater, wenn ich nicht mehr erkenne, daß da oben eine Spielregel abläuft, sondern eine Aneinanderreihung von lauter Vorfällen, Unfällen. Ich werde im Theater immer mit einer vergrößerten Realität konfrontiert. Ich will mich verführen lassen, auf einen Menschen einzugehen, mit ihm durch lauter Irrwege zu gehen.

Wollen Sie als Schauspieler auch verführen?

VOSS: Ja. Für mich ist es das Größte, wenn ich den Zuschauer den eigenen Körper vergessen lasse, daß er sich mit mir beschäftigt, neugierig auf mich ist. Das ist vielleicht die schönste Aufgabe des Theaters: den Menschen auf sich selbst und auf Menschen überhaupt neugierig zu machen.

Wollen Sie dem Zuschauer auch Schmerzen zufügen?

VOSS: Natürlich. Wenn man sich mit Menschen beschäftigt, löst das Schmerzen aus. Aber ich will das nicht primär. Es gibt auch Träume, Sehnsüchte, die das Theater in einem wachruft.

Was machen Sie mit den durch das Theater wachgerufenen Sehnsüchten, die man im Alltag gar nicht leben kann? Eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen dem eigenen Empfinden und dem Leben, das man seiner führen muß.