Dömitz

Ratatatatatat... Mit der Beschaulichkeit am Elbstrand bei Kaltenhof ist es vorbei. Am wendländischen Südufer des Flusses, wo jahrzehntelang eine nur noch halbe Dömitzer Brücke an Krieg und deutsche Teilung erinnerte, läßt der erste Rammschlag für die neue Brücke nach Mecklenburg die Teerstraße erzittern. Von der alten sind nur Zementbrocken, Schlammkuhlen, verrostete Stahlstützen und ein Pfeiler mit einem Stück Vorkriegsstraße zurückgeblieben. Das von den amerikanischen Jagdbombern und den Abbruchsägen verschonte Brückenteil soll als Denkmal wiederaufgebaut werden, drüben bei Dömitz.

"De Friheit fehlte, un wo de fehlt, sind an de Seel de Sehnen durchsneden", schrieb der plattdeutsche Autor Fritz Reuter, von dem die Dömitzer gern erzählen, über seine Zeit in der Elbestadt. Der Burschenschafter saß dort 1839 und 1840 zwischen den Schutzwällen der mittelalterlichen Militärfestung das siebte Jahr seiner Haft ab. Von Einschränkungen ihrer Freiheit wissen auch die derzeitigen Bewohner des 3400-Einwohner-Städtchens ein Lied zu singen. In der Fünf-Kilometer-Zone entlang der Grenze war sie noch drastischer beschnitten als in der übrigen DDR. "Sie haben uns sogar die Elbe vorenthalten", schimpft ein älteres Lehrerehepaar bei einem der täglichen Deichspaziergänge. Drei dichtmaschige Zäune versperrten ihnen fast drei Jahrzehnte lang den Blick vom Fenster auf den Fluß – dazwischen kläfften die Hunde.

Jetzt ist der Elbblick frei. Die Dömitzer warten auf ihre Brücke. Zwanzigtausend Autos sollen bereits von Weihnachten kommenden Jahres an täglich auf ihr aus der Stadt heraus-, nach Dömitz hinein- oder – in einem Kilometer Entfernung – an Festung, schmuckem Rathaus und Supermarkt vorbeirauschen können. Zur Zeit sind der Überfahrt Grenzen gesetzt. Höchstens achtzehn Autos passen auf die Fähre "God met uns III" der niedersächsischen Samtgemeinde Dannenberg, die bis zum späten Abend im Zwanzig-Minuten-Takt die Elbufer verbindet. Auf der privaten "Ilka" sind allenfalls sechs unterzubringen. Zwei Stunden Wartezeit sind keine Seltenheit.

"Den annern Morgen gung’t nah Doems", hat Fritz Reuter das letzte Kapitel seiner "Festungszeit" eingeleitet. Der Gefangene blieb ein ganzes Jahr. Die jetzt nach Dömitz fahren, bleiben meist nicht lange. Das Festungsmuseum mit Reuter-Büste, Reuter-Inflationsgeld und Überresten des Grenzzauns ist schnell besichtigt; die Wanderdünen außerhalb der Stadt können mit dem Weg vom Ruhrgebiet nach Rostock verbunden werden. Hotelzimmer gibt es nicht. Bisher vermieten zehn Dömitzerinnen je ein oder zwei Doppelzimmer, Wohnwagen oder Gartenhäuschen. Die "Fritz-Reuter"-HO-Gaststätte hat dichtgemacht, statt dessen haben Privatleute neue, freundlichere Kneipen eröffnet. Über die Brücke, hofft etwa der emsige Gastwirt Bernd Liebert, werden die Touristen in Scharen nach Dömitz strömen: "Das wird für uns eine Lebensader."

Damit die Reuter-Stadt für Touristen einen richtigen Namen bekommt wie Bayreuth durch Wagner und Bad Segeberg durch Winnetou, planen der Heimatverein und der plattdeutsche Literaturkreis "Fritz-Reuter-Festspiele" mit Lesungen, Theater und Musik, die alle zwei oder auch alle fünf Jahre im Innenhof der Festung stattfinden sollen. 1960 und 1962 hat es solche Festspiele dort schon gegeben, sie sind zwischen Sperrgebietswachhäuschen und Elbezäunen am Besuchermangel eingegangen.

"Du bist fri! du kannst gahn, wohen du wist!" freute sich Reuter bei seiner Entlassung aus der Gefangenschaft. Mehrere hundert Dömitzer haben in den vergangenen eineinhalb Jahren als Pendler den Weg nach Süden oder Westen gewählt ins Wendland, nach Lüneburg oder Hamburg. Die beiden großen Dömitzer Werke, das eine für Elektronik, das andere für Besenstiele, Handballtore und Schwebebalken, sind aufgelöst worden. Viele Pendler reihen sich täglich in die Warteschlange am Fähranleger ein. Vor allem ihnen wird die Brücke nützen.