Von Hans-Martin Lohmann

Wer war Walter Benjamin? Auch fünfzig Jahre nach seinem Selbstmord in den Pyrenäen ist man der Beantwortung dieser Frage nicht wesentlich nähergekommen. Der Mann von "chinesischer Höflichkeit" (Gershom Scholem), der in seinen Schriften mehr Dunkelheit als Klarheit verbreitet hat und über den bemerkenswert viele Bücher und Aufsätze geschrieben worden sind, die der Dunkelheit des posthum Berühmten in grotesker Manier nacheifern – der Mann entzieht sich bis heute einem unzweideutigen Urteil. Benjamins später Ruhm, einsetzend mit der stürmischen Rezeption seiner Schriften in den sechziger Jahren, hat viel mit Mißverständnissen, etwa hinsichtlich seiner marxistischen Neigungen, zu tun, viel aber auch mit der Tragik einer Existenz, die er selber als gescheitert empfand.

Daß Benjamin, als Privatperson wie als Schriftsteller, ein tragisch Gescheiterter sei: Ebendiese Lesart will Momme Brodersens Benjamin-Biographie als Legende entlarven. Benjamins Leben, heißt es im Klappentext, sei durchaus "normal" gewesen, so normal, wie es die Zeiten zuließen. Dementsprechend hat Brodersen ein exzellent lesbares, fast populäres Buch vorgelegt (in Ton und Machart ähnlich flott wie Peter Zudeicks Bloch-Biographie, die vor fünf Jahren im selben Verlag erschienen ist), dessen Held das gewöhnliche Auf und Ab einer Intellektuellenexistenz durchmacht, hier einen publizistischen Sieg verbucht und dort eine erotische Niederlage. Nichts Besonderes also.

So sehr man Brodersens auch typographisch ansprechendes und schön illustriertes Buch ob seiner Farbigkeit, seiner Detailfreude und seines Kenntnisreichtums empfehlen kann, so sehr irritiert doch, daß es ein Bild von Benjamin entwirft, das allzu glatt und harmonisch ist. Ein Beispiel: Benjamins seltsame Affäre mit Carl Schmitt, von der sowohl das Trauerspielbuch als auch ein Brief Benjamins an den nachmaligen Nazi-Staatsrat zeugen (und die von Schmitt in seiner Schrift "Hamlet oder Hekuba" bestätigt wird), glaubt Brodersen nicht einmal erwähnen zu müssen – sie paßt nicht ins Bild. Daß Benjamin in jenen Jahren, da er, unter dem Einfluß seiner Freundin Asja Lacis, mit dem Kommunismus liebäugelte, zugleich Schmitts Souveränitätslehre positiv aufnahm, müßte eigentlich jeden, der sich mit der geistigen und politischen Physiognomie Benjamins befaßt, in Verwirrung stürzen. Oder muß man den Sachverhalt so deuten, daß die "Politische Theologie" von Schmitt und die politische Theologie von Lenin am Ende demselben Denken entstammen? Brodersen schweigt sich darüber aus.

In dieser Hinsicht ist die Benjamin-Biographie von Werner Fuld, die, 1979 zuerst erschienen, jetzt als Taschenbuch vorliegt, von anderem Kaliber. Fuld scheut sich nicht, die Aura des Geheimnisvollen, die Benjamin mit Bedacht um sich und sein Werk gelegt hat, gelegentlich zu durchstoßen und Fragen zu stellen, die sich Brodersen verbietet. Ebensowenig wie dieser freilich kommentiert Fuld das Passagenwerk, das doch in der intellektuellen Biographie des späten Benjamin eine zentrale Rolle spielt. Von einer als "überarbeitet und erweitert" deklarierten Neuausgabe hätte man auch erwarten dürfen, daß die Bibliographie auf den jüngsten Stand gebracht ist.

Wer Walter Benjamin, hinter seiner chinesischen Maske, wirklich war – wir wissen es immer noch nicht.

Wie kein anderer Bewohner des Frankfurter ‚Grand Hotel Abgrund" (Georg Lukács), von dessen Geschäftsführern ihn doch Welten trennen, ist Benjamin in den siebziger und achtziger Jahren regelrecht zur Kultfigur aufgestiegen. Der relativen Dürftigkeit der zahllosen Deutungen, denen das Benjaminsche Werk ausgesetzt ist, korrespondiert ein Furor biographicus, der vor keiner Nebensächlichkeit und Belanglosigkeit, vor keiner Klatschgeschichte haltmacht. Gewiß sind die von Hans Puttnies und Gary Smith edierten "Benjaminiana" hübsch zu lesen und anzusehen, und gewiß signalisieren die kompetenten Kommentare der Herausgeber eine ironische Distanz zum Gegenstand, die man in der Benjamin-Literatur ansonsten schmerzlich vermißt. Aber auch diese Vorzüge können nicht kaschieren, daß an die Stelle sachkundiger Auslegungen von Benjamins komplexem Œuvre, die sich freizumachen vermöchten von der peinlichen Mimesis an die Geheimniskrämereien des Meisters, längst ein hypertropher Biographismus getreten ist, hinter welchem das Werk mehr und mehr zu verschwinden droht.