Wie Familien, wie die Menschen schlechthin legen auch Staaten und Völker Wert auf gute Herkunft. Wo der Mangel an ruhmreicher Vergangenheit schmerzlich empfunden wird, bemüht man sich deshalb, Zeugen und Zeugnisse für alte Größe ausfindig zu machen. So leiten die Rumänen ihre Herkunft von den alten Römern ab — und ernten dafür den Spott ihrer ungarischen Nachbarn, ziehen die Slowaken das vor über tausend Jahren untergegangene Großmährische Reich als Referenz heran, führen- die Albaner ihren mittelalterlichen Helden Skanderbeg rühmend ins Feld .

Einschlägig nichts vorzuweisen haben zum Beispiel Letten, Esten und Slowenen. Die Slowenen, die ein Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche die "braven Hausgenossen der Deutschen" nannte, haben seit der Eroberung Kärntens und der Steiermark durch die Bayern bis 1918 immer mit den Deutschen im gleichen Staat gelebt. Und auch die beiden Ostseevölker wurden von den Deutschen dem Christentum zugeführt und damit in den westeuropäischen Kulturkreis einbezogen; mit ihren damaligen deutschen Herren nahmen sie auch das Luthertum an.

Ein besonderer Fall sind die Litauer. Sie sind sprachlich mit den Letten verwandt, unterlagen aber viel weniger dem deutschen Einfluß. Zu bemerken ist, daß sie die lateinische, nicht die byzantinische Ausprägung des Christentums angenommen haben. Das geschah vor etwa 600 Jahren, als die polnische Thronerbin Jadwiga den litauischen Großfürsten Jagiello heiratete, der zum König von Polen gewählt wurde, nachdem er von der Ostkirche zur römisch katholischen Kirche übergetreten war.

Einen litauischen Staat gab es bereits im Mittelalter. Er bildete sich im Kampf mit den russischen Fürstentümern, mit Polen, dem Deutschen Ritterorden und den Tataren der Krim. Zeitweise erstreckte er sich bis hinter Smölensk, die gesamte heutige Teilrepublik Weißrußland gehörte dazu. Dieses Reich, das dem ungefähr gleichzeitig emporgestiegenen Großfürstentum Moskau an Umfang gleichkam, hat aber mit dem heutigen Litauen wenig gemein. Es war ein weißrussischer Staat, und Weißrussisch war die Amtssprache; weißrussisch war auch das Recht. Im Zarenreich verstand man unter Litauen das alte Großfürstentum ohne die südlichen Teile (Polesien); die im jetzigen Weißrußland gelegene Stadt Brest am Bug heißt allgemein noch Brest Litowsk, Litauisch Brest. Nach der staatsrechtlichen Verbindung Litauens mit Polen durch die Lubliner Union von 1569 glich sich der "litauische" Adel nach und nach dem polnischen an, der als höherstehend angesehen wurde. Das bedeutete auch den Übertritt zur römischen Kirche. Bekannte Polen stammen aus der litauischen Reichshälfte, so der Dichter Mickiewicz, der Freiheitskämpfer Kosciuszko und die Magnaten Sapieha, Radziwill, Czartoryski. Ein Litwak war auch Pilsudski, dem ein wiedererstandenes PolenLitauen vorschwebte und der sich der alten Hauptstadt Wilna bemächtigte — ein Gewaltakt, den das kleine Litauen hinnehmen mußte.

Es ist eine allgemeine Erscheinung, daß Staaten und Völker sich mit ihrer Vergangenheit schmükken wie mit fremden Federn. Mussolini trieb einen Kult mit dem alten Rom, obwohl die Römer ursprünglich nur etwa ein Viertel der Halbinsel bewohnten. Der Süden Italiens zeigt jetzt noch die Spuren byzantinischer und sarazenischer Herrschaft, und die Bewohner ähneln denen der afrikanischen Gegenküste. Schon in der Römerzeit hatte eine starke Zuwanderung von Orientalen stattgefunden, wie sich am Beispiel der Apostel Petrus und Paulus zeigt. Im Norden wird man hingegen auch an die langobardischen Eroberer erinnert. Der Duce wollte es den alten Römern gleichtun und nannte das Mittelmeer Italiens Märe nostro. Die Griechen sehen in den Hellenen der klassischen Zeit ohne Bedenken ihre Vorgänger, obschon sie nur die Nachkommen der Byzantiner sind, jener Mischbevölkerung, die nach den Eroberungen Alexanders des Großen in den Ländern des östlichen Mittelmeers aus Orientalen und den griechischen Eroberern entstanden ist. Die heutigen Griechen haben mit denen des Altertums nicht mehr gemein als die englischsprechenden Bewohner Jamaikas mit den Angelsachsen der Völkerwanderung. In der Neuzeit haben sie sich noch mit Albanern und Slawen vermischt.

Auch die jungen Nationalstaaten unseres Jahrhunderts greifen gern in die tatsächliche oder angebliche Geschichte der Staatsnation zurück. Als die Goldküste unabhängig wurde, änderte sie ihren Namen in Ghana nach einem alten, im Landesinnern gelegenen Reich. Abessinien beansprucht die sagenhafte Königin von Saba, die Salomo aufgesucht haben soll; der letzte Negus führte den Titel "Löwe von Juda", und das Land nennt sich weiter mit dem von Italien verliehenen Namen Äthiopien, der besser klingt als der vom arabischen Habesch abgeleitete.

Der vertriebene Schah nannte seinen Sohn Cyrus nach einem persischen Herrscher, der vor zweieinhalbtausend Jahren regierte. Im Irak will man den Palast des Königs Nebukadnezar wiederherstellen. Das moderne Mexiko verweist stolz auf die hohe Kultur der Azteken. Die arabisierten Ägypter stört es nicht, daß die Pharaonen und ihr Volk keine Semiten gewesen sind. In beiden Fällen wird die Kontinuität behauptet, und alle Welt nimmt das hin.